Musikrezensionen 09/06
von verlag • 4.09.2006 • Kategorien: Kultur, Musik, Rezensionen
I `m from Barcelona – we are from Barcelona (Labels/EMI)
Man kennt ja das altbekannte Sprichwort von den “vielen Köchen…“, wenn es allerdings immer wahr wäre, müsste dieses Album wahrscheinlich als das Schlechteste aller Zeiten in die Geschichte eingehen, besteht die Band doch aus mehr Musikern (29!), als es Instrumente zu verteilen gibt.
Was das vielköpfige Kollektiv aus Schweden, mit dem in die Irre führenden Namen, dem Hörer aber serviert sind zuckersüße Popsongs, die die Naivität und Melodien von Kinderliedern versprühen. Glockenspiele hier, Mitsumm- und Mitsingharmonien inklusive „nanana-Gesänge“ und Backgroundchöre da. Um das alles nicht allzu sehr zu verkomplizieren haben die sympathischen Skandinavier dann auch einfach mal am Text gespart, wozu auch überflüssigen Ballast dem Musikkonsumenten auflasten.
Die Botschaft ist klar: Das hier ist Musik, die einfach nur kurzweilig und spaßorientiert sein möchte und dabei einfach mal ein paar großartige Hits aus dem Ärmel schüttelt. Insgesamt eine Platte für die ganze Familie, vielleicht sollte man sie als Soundtrack für den nächsten Ikeabesuch empfehlen, dann hätte sich der Kreis der Schweden perfekt geschlossen. (jes)
International Pony – mit dir sind wir vier (SMD Col/Sony)
Das leicht durchgeknallte Triumvirat des elektronischen Klangimperiums ist zurück. Und sie scheinen nicht mehr unbedingt darauf besessen zu sein, die Tanzfläche als Zielgruppe zu definieren. Inhaltlich dominiert eher die Loungeecke, das Tempo immer schön gedrosselt (mit zwei, drei Ausnahmen), aber da liegen definitiv auch die Stärken. Tracks wie „Gravity“ oder „Solid Gold“ sind sicherlich ideale Begleiter für die persönliche After-Hour. (jes)
Black Grass – a hundred days in one (Catskills/Groove Attack)
Die meisten Alben im elektronischen Bereich kränkeln ja oft an Einfältigkeit. Umso erfreulicher, wenn, wie in diesem Fall, die Abwechslung auf hohem Niveau stattfindet und man nicht immer die Skiptaste am CD-Player suchen muss. Unterstützt von zahlreichen Gastsängern lassen uns Black Grass an ihren Vorstellungen von Reggae, HipHop und zeitgenössischen Downbeats teilhaben. Lange nicht mehr in dieser Form erlebt. (jes)
The Sunshine Underground – raise the alarm (Red Ink/RTD)
Eine Band mehr, die mit dem bestimmten Artikel im Namen, ihrer Musik offenbar Nachdruck verleihen will. Treibende, tanzbare Rockmusik, im Stile von „The Clash“, „Radio 4“, „The Rapture“ oder „Hard-Fi“ scheint sie inspiriert zu haben. Allerdings haben genannte Vergleiche deutlich mehr Überzeugungsarbeit in der Vergangenheit geleistet. So bleibt nur der bittere Geschmack des Durchschnitts und der Austauschbarkeit hängen. (jes)
The Fine Arts Showcase – radiola (Stickman/Indigo)
Hätte Schweden eine Wüste (und das kann ja in Zukunft durchaus der Fall sein), wäre „Radiola“ wohl ein Anwärter für die musikalische Untermalung. Rau und stimmlich ein wenig an die englischsprachige Ausgabe von Dirk von Lowtzow erinnernd, hat das liebevolle Stickman Label eines ihrer eingängigsten und popigsten Werke veröffentlicht und mit „Chemical Girl“ sogar einen veritablen Radiohit (Ramons Supergirl lässt grüßen). (jes)
Console – mono (Disko B/Indigo)
Die Überraschung ist groß. Martin Gretschmann entfernt sich bei seinem neusten Werk weit weg vom einstigen tanzbaren Elektropop und verschleppt das Tempo auf Ambientniveau. Alles ist aufs Wesentliche reduziert, so dass selbst der faszinierende Gesang von Miriam Osterrieder nur gezielt Einsatz findet. „Mono“ lullt einen aufs angenehmste ein und holt den Hörer zum Abschluss gekonnt mit starkem Crescendo in die Welt der Aufgeweckten zurück. (abo)
Alice Russell – under the munka moon II (Tru Thoughts/Groove Attack)
Wann immer im Hause “Tru Thoughts� ein Mikrofon einsam im Raume steht, dauert es selten lange, bis Ms Alice Russell mit ihrer rauen, samtigen Soulstimme hineinhaucht. So kommt es immer wieder zu neuen Kollaborationen und Neuinterpretationen von Eigen- und Fremdkompositionen, deren Ergebnisse dieses Werk versammelt. Manchmal wirkt ihr NuSoul allerdings ein wenig zu uninspiriert, fürs Kaffeehaus aber sicherlich der ideale Hintergrund. (jes)
Basement Jaxx – crazy itch radio (XL Recordings/Edel)
Auch das vierte Machwerk der beiden sympathischen Weirdos aus England ist bestens dazu geeignet geschmäcklerische Puristen in die Verzweiflung zu treiben. Offenere Hörer können sich darüber freuen, dass sich hier schamlos Balkanpop-, Bollywood- oder R`n`B-Elemente nebeneinander im Clubdress wieder finden. Hätte ich ein Disko wären „ Hush Boy“ und „Take Me Back To Your House“ die Tracks, die samstags zur Primetime liefen. (isi)
Pale - Brothers, Sisters, Bores (Grand Hotel van Cleef)
„Die vielleicht hittigste seit Labelgründung“ verspricht GHvC-Labelpapa Thees Ulmann großspurig im Presseinfo und in der Tat findet sich hier ein Feuerwerk illustrer Hooklines. Verpackt in lupenreinen, perfekt produzierten Rock, der genau deshalb eigentlich nicht mehr rockt als ein Iro vom Frisör. Netter, aber belangsloser Allerweltsrock mit allen Schikanen und Klischees. Für die einen sind es Schlager, für die anderen die hittigsten Platten der Welt. (bed)
Pete Rock - Underground Classics (Rapster/BBE/Rough Trade)
Pete Rock ist ein herausragender unter den grossen Hip-Hop-Produzenten, mit seinen Beats hat der Old School- Produzent in den 90ern Maßstäbe gesetzt. Auf dieser Sammlung tummeln sich Hits wie “Back on the Block” (mit C.L.Smooth) neben vielen unbekannteren Produktionen von INI oder The UN. Sammler und Tänzer werden in gleichem Masse gut bedient mit 14 Stücken voller Soul und groovenden Beats, die in dieser Klasse heute rar geworden sind. (tobi)
Erk - Far from the world (El Muto/Our)
In den Achtzigern war diese Art Pop noch eine gestandene Institution. Mit viel Verve bringt der ehemalige Barpianist Erk Wiemer die gute Laune in dein Ohr, die aus dem Geist der Siebziger entsprungen ist. Dazu braucht er nur Piano, Bass und Schlagzeug und seine feinen Eigenkompositionen. Ben Folds und die Beatles dienten dabei als erstklassige Inspirationsquelle. So scheitert er nicht einmal am Cover der 80er-Hymne “Shout”. Eine Kunst für sich. (tobi)
Emirsian - A Gentle Kind Of Disaster (Nois-O-Lution/Indigo)
Aren Emirze, einigen bekannt als Frontpfeife der Noise-Rocker Harmful, schmeißt auf seiner ersten Soloplatte allen Ballast, Schlagzeug inklusive, über Bord und segelt eher singend denn schreiend Richtung Herzkammer. Mit einer wunderbar sanften Stimme, deren nasale Wärme unüberhörbar wie ein Verschmelzen der Stimmen Chris Martins und Dave Matthews klingt.
Kurze, aber schöne, abwechslungsreiche Singer/Songwriter-Platte mit weit ausgestreckten Armen! (bed)
Ziggy Marley - Love is my religion (Cooking Vinyl/Indigo)
Da wünscht man sich doch an einen abendlichen Südseestrand. Am besten mit einem fruchtigem Cocktail in der Hand, von der Sonne gebräunt an einem chilligen Lagerfeuer sitzend. Auch mit seinem neusten Werk “Love is my religion” schafft es Ziggy Marley das Bedürfnis zu wecken, dass man sich sofort auf den eigenen Balkon in der Sonne platzieren möchte. Schöne Melodien mit den reggae-üblichen Thematiken, die nicht - wie bei so vielen Künstlern dieser Zunft - langweilen. Das Talent zur Musik liegt eben in der Familie. (abo)
www.ziggymarley.com
verlag ist stadtpark
Email an den Autor | Alle Beiträge von verlag




… Pale = Schlager? Bei der neuen Platte? Ich hätte gerne auch was von dem, was Ihr in der Redaktion zu Euch nehmt - Vielleicht glaube ich dann, dass die neue Klee Hardrock ist
Ist sie das etwa nicht?
Hab ich nichts von gehört bisher - Aber vielleicht klingt die gute Suzie von Klee ja auch neuerdings wie die Suzie von Quattro
Im Ernst, man mag der Pale vorwerfen was man will, aber Schlager ist nun wirklich übertrieben oder wahlweise auch komplett falsch. Hängt natürlich auch vom Bezugspunkt ab den der Rezensent hat. Oder so ähnlich.