»Das war´s: Wall-Kino schließt.«

von hes • 31.01.2007 • Kategorien: Kultur, Politik

Der nächste Schritt zur Uniformierung städtischer Erlebniswelten oder die nötige Gesundschrumpfung der Kinolandschaft? Anlässlich der bevorstehenden Schließung des Wall-Kinos blickte der der stadtpark hinter die Kulissen und sprach mit Betreiber Detlef Roßmann.

»Das war´s: Wall-Kino schließt.«

Kulturpessimisten dürften ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt sehen: nach diversen Rochaden der Oldenburger Politik kommt nun doch ein ECE-Center, und als nächster Schlag gegen Kleinteiligkeit und Einzigartigkeit der Innenstadt schließt das traditionsreiche Wall-Kino zum 30. April seine Pforten. Somit bleibt Oldenburg neben der Filmkette Cinemaxx als Alternative nur noch das Casablanca erhalten. Im Hintergrund steht dabei allerdings nicht der Verdrängungswettbewerbs unter den Kinos. Nach dem Tod der bisherigen Eigentümerin im letzten Jahr ging das Gebäude in den Besitz des Hamburger Unternehmers Ulrich Marseille über. Und dieser hat seinerseits ganz regulär den Mietvertrag des Wall-Kinos zum 30.April 2007 gekündigt, wie Wall- und Casablanca-Betreiber Detlef Roßmann gegenüber dem stadtpark betont.

Über die wirtschaftliche Situation des Wall-Kinos schweigt Roßmann sich aus, weist aber darauf hin, dass das Wall gegenüber dem »jugendkulturgeprägten Kinoerlebnis Multiplexx« durchaus in einer schwierigen Position gewesen sei, wie andere Kinos andernorts in gleicher Situation aber auch. Roßmann selber sieht sich ohnehin als »Kinomacher aus Leidenschaft« der sich 1997 bewusst zu einer Renovierung und Erhaltung des Wall als »Premiumkino im nostalgischen Stil der 20er Jahre« entschieden habe und nicht immer nur auf die wirtschaftlichen Kennzahlen schiele. Doch nun geht dennoch eine über 90jährige Tradition in Oldenburgs Innenstadt zu Ende.

Allzu große Befürchtungen von Cineasten weiß Roßmann zu zerstreuen. Schließlich betreibt er weiterhin das Casablanca am Pferdemarkt und sieht sich hier als Gebäudeeigentümer auch nicht den Problemen eines Mietverhältnisses ausgesetzt.
Und er spielt auch schon mit der Idee der Erweiterung des Casablanca um eine vierte Leinwand. Die Ausstattung zumindest wäre da – die Gerätschaften im Wall sind im Besitz des Kinobetreibers. Dennoch legt Roßmann Wert auf die Feststellung, dass hier noch nichts »spruchreif« sei und formuliert gleichzeitig ein schlüssiges Konzept: mit dem Wall und dem Casablanca zusammen habe man momentan noch fünf Leinwände, von denen eine im Wall aber ohnehin das zeige, was u.a. auch im Cinemaxx laufe.

Ein Alternativprogramm bieten also auch bisher nur vier Leinwände, und mit einer Casablanca-Erweiterung wäre dieses Verhältnis auch schon wieder hergestellt. Und um das Casablanca, das machen die Worte Roßmanns deutlich, muss man sich auch so wohl keine Sorgen machen. Im Vergleich mit größeren Städten wie Braunschweig oder Göttingen sei man hier deutlich besser aufgestellt und erzeuge auch eine deutliche Signalwirkung weit in die Region hinein. Den Grund darin sieht Roßmann in der klaren Positionierung des Casablanca als Filmkunstund Programmkino, eine Position, die man sich in den letzten 25 Jahren erarbeitet habe. Und auch die nähere Zukunft, nach der endgültigen Schließung des Wall sieht er gelassen. Aus dem Programm fielen dann zunächst wohl am ehesten die Filme, die in direkter Konkurrenz zum Cinemaxx stünden – und man konzentriere sich dann auf Filme, die nur das Casablanca in Oldenburg zeige. Was bleibt also? Zumindest eine Entwarnung für die Cineasten aus Oldenburg und umzu und die Hoffnung auf eine Wiederherstellung des gewohnten Leinwandverhältnisses in Oldenburg durch eine eventuelle Erweiterung des Casablanca.

Dennoch, und das machen nicht zuletzt die Leserbriefreaktionen in der lokalen Presse deutlich, wird das Ende des Wall-Kinos sehr bedauert. Der Verlust eines architektonisch einzigartigen Lichtspieltheaters mit einer langen Tradition lässt sich nicht wegdiskutieren. Denn aus dem Hause Ulrich Marseille, seines Zeichens Aufsichtsratsvorsitzender der Marseille-Kliniken AG, verlautet nichts, was auf die weitere Verwendung des Gebäudes hindeutet. Zwar besitzt Marseille zwei Kinos in seiner Heimatstadt Bremerhaven, einen Namen gemacht hat er sich aber mit seinem Klinikunternehmen, einem der führenden privaten Anbieter der deutschen Gesundheitsbranche. Daneben fiel Marseille als Unterstützer des Hamburger Politchaoten Ronald Schill auf und heftet sich als Verdienst ans Revers, durch sein Antreten als Spitzenkandidat der Statt Partei bei der Landtagswahl in Sachsen- Anhalt 2002 die von der PDS gestützte SPD-Alleinregierung des damaligen Ministerpräsidenten Höppner gestürzt zu haben. Dies und die anhaltenden Verwicklungen der Marseille-Klinken AG in Rechtsstreitigkeiten um die Verwendung staatlicher Fördergelder, runden die schillernde Geschichte des aktuellen Wall-Eigentümers ab. In eine neue Runde geht mit diesen Entwicklungen außerdem die Frage der Innenstadtentwicklung im Gebiet Wallstraße/ Waffenplatz.

Neben den ungeklärten Fragen der Parkhauszufahrt, der Waffenplatz-Gestaltung und der Verwendung der Broweleit-Gebäude steht nun auch die Frage der neuen Nutzung der Wall-Räumlichkeiten auf der Tagesordnung. So Gott will: vielleicht kann sich der von der Uniformierung geplagte Innenstadtbesucher ja alsbald zur Beruhigung und Entspannung in eine Marseille-Wellness-Klinik zurückziehen und die immergleichen Eindrücke unter einer abschwellenden Augenmaske verarbeiten.

hes ist Henning Schmidt
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