Comic-Rezensionen 06/07

von ori • 29.05.2007 • Kategorien: Comics, Literatur

»Red Snake & Bug Boy.«
Der japanische Manga - Künstler Hideshi Hino beinflusste die Punk - Bewegung Japans, war an der berühmt - berüchtigten »Guinea Pig« - Filmreihe beteiligt, nennt Dostojewski, Tolstoi und Bradbury als Vorbilder — und James Whales Filmklassiker »Frankenstein«.

So resultiert denn der Horror seiner Werke auch aus der Perspektive des Außenseiters auf die normale Welt, nicht aus seiner Bedrohung für diese. Ein Motiv, das schon Mary W. Shelley in ihrem Roman »Frankenstein« durchspielte.
Beide Geschichten werden aus der Sicht von kleinen Jungen erzählt, die in ihren Welten als von der herrschenden Norm ferne Persönlichkeiten dargestellt werden. Ihr beobachtender Blick auf die verstörenden Ereignisse um sie herum wird grafisch durch hervorquellende Augen, deren Adern hervortreten, noch unterstrichen.
In diesem Zeichenstil, zwischen grotesk dargestellten Figuren und realistischen Handlungsorten, die immer auch Orte der Entfremdung, wie Müllkippen oder Abwasserkanäle sind, spielen sich die blutigen Dramen Hinos ab. Durch seine poetische und einfühlsame Erzählweise aber werden sie zu Kunst, die viel über das Leben aussagt.
Also nicht der durchschnittliche Actionmanga, der auf zwanzig und mehr Bände angelegt ist, sondern hervorragende grafische Literatur. Und das ist mehr, als alles, was sie sonst noch vom Leben erwarten können…

Bug Boy: Hino, 208 Seiten, shodoku, ISBN 978 3 937102 68 9
Red Snake: Hino, 192 Seiten, shodoku, ISBN 978 3 937102 67 2


»Experiment Alpha & Die vierte Macht.«
Gibt es eigentlich noch ansprechende Science Fiction - Comics? Zwei Künstler versuchen es: mit spektakulärer Grafik, mehr oder weniger neuen Inhalten und nackten Tatsachen.
Kaum ein Genre liegt derart ausgezählt am Boden wie die heutige SF. Literarisch herrschen Adaptionen zu Video- und Rollenspielen vor, filmisch gab es seit »Gattaca« kaum etwas Intelligentes und in der neunten Kunst glänzt einsam Nic Schulz mit seiner monatlich in Titanic erscheinenden »Zukunftsmusic«. Dabei sind gerade Comics ein Medium, in dem man mit geringen finanziellen Mitteln spektakuläre Phantasiewelten erschaffen kann.
Vukasin Gajic weiß das auch. In seinem Debut »Experiment Alpha« als Autor, Zeichner und Kolorist in Personalunion auftretend, schuf er ein Szenario, das über weite Strecken inhaltlich nicht mehr als ein Spionagethriller ist, aber optisch beeindruckt und gut unterhält — und seine Nacktszenen sind mehr erotischer denn exhibitionistischer Natur.

Juan Gimenez ist ein alter Hase im Comicgeschäft und ebenfalls ein fähiger Zeichner. Auch er verkauft in »Die vierte Macht« inhaltlich alte Hüte, die gut aussehen, aber spätestens dann ärgerlich werden, wenn er auf den ersten vier Seiten den für ominöse Experimente im Krieg zweier Welten entführten Frauen die Oberweite freigelegt. Das ist ein so anachronistisches Altherrenverständnis von Erotik, dass es nicht mal mehr als trashige Retro- SF durchgeht — und »laaangweilig!« (H. Simpson). Freunde futuristischer Grafik greifen besser zu Gajic; Fans von Gimenez zu U-Comix-Sonderband 30 aus den 70er Jahren, als dieser noch kritisch vom faschistischen Franco-Spanien erzählte

Gimenez, 64 Seiten, Splitter Verlag, ISBN 978 3 939823 53 7
Gajic, 48 Seiten, Splitter Verlag, ISBN 978 3 939823 40 7

ori ist Oliver Ristau
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