Comic-Rezensionen 10/07
von ori • 28.09.2007 • Kategorien: Allgemein, Comics, Literatur, Rezensionen»Der Casanovakomplex.«
Der japanische Künstler Yoji Fukuyama orientierte sich am Anfang seiner Karriere stilistisch an Mangaka-Größen wie Otomo (»Akira«), fand dann aber seinen eigenen Weg, auf dem er sich u.a. mit Fragen der geschlechtlichen Identität beschäftigte – in seinem Werk »Mademoiselle Mozart« ist der Komponist als Frau zu erleben.
»Der Casanovakomplex« ist vordergründig betrachtet einer der üblichen Sex-Mangas. Bei genauem Lesen fallen einem jedoch die surreal anmutenden Züge der Geschichte auf, die vor allem Fragen nach den Inhalten männlicher sexueller Phantasien stellt.
So gibt es im sexuell freizügigen Paradies Uroshima (dessen Name eine Anspielung auf ein japanisches Märchen um einen Fischer namens Urashima ist, den es in eine Unterwasserwelt verschlägt) Sex an jeder Straßenecke – übrigens streng heterosexuell, homoerotische Paarungen gibt es nicht. Und obwohl scheinbar jeder Mann jede Frau (und umgekehrt) haben kann, kommen einige doch zu kurz. Dies führt zu Konflikten. Dem Fluch der zwanghaften männlichen Libido unterworfen, kann es dann auch zur Kastration des Nebenbuhlers kommen.
Der Zeichenstil ist reduziert und kommt oft ohne detaillierte Hintergründe aus, was den Eindruck einer Projektionsfläche für die Phantasie ihres sexbesessenen Protagonisten beim Leser verstärkt.
Für Männer, die schon alles haben.

»Die 676 Erscheinungen von Killoffer.«
Noch tiefer im männlichen Unterbewusstsein gräbt der Franzose Patrice Killoffer in seiner graphischen Erzählung »Die 676 Erscheinungen von Killoffer«. In schonungsloser Offenheit zeigt er die dunklen Seiten der männlichen Psyche, über die nicht gern gesprochen wird, deren Auswirkungen sich im alltäglichen Geschlechterkampf aber immer wieder offenbaren: Egoismus, Sadismus, Destruktivität.
Killoffer, der seine eigene Hauptfigur gibt, erniedrigt, schlägt, vergewaltigt, mordet und watet dabei durch Unrat, Blut und Exkremente. Sein Handeln trifft nicht nur andere, sondern auch ihn selbst. Er spaltet sich dabei nämlich in viele Persönlichkeiten, die für all die unterdrückten Gelüste stehen, die Killoffer innewohnen. So vergewaltigt er sich auch selbst durch mehrere seiner Erscheinungen, wobei sich die Frage stellt, ob diese Szenen für unterdrückte Homosexualität, extreme Egozentriertheit oder tendenziellen Selbstmissbrauch stehen – oder für alles zusammen.
Dargestellt im Zeichenstil der »pervertierten klaren Linie« (so Killoffer in einem Interview, indem er die Zeichner Willem und Swarte als Einflüsse nennt) entsteht das Panoptikum einer männlichen Selbstwahrnehmung, das den Leser mit Unbehagen zurücklässt. Sinnbildlich vielleicht auch das Schlussbild des sich in Killoffers Appartements auftürmenden Bergs schmutzigen Geschirrs, der ihn wie ein Monster anstarrt und zu sagen scheint: »Räum endlich Deinen Saustall auf.«
Für Männer ohne Haushaltshilfe.

ori ist Oliver Ristau
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