Kaffee und Stadtplanung
von verlag • 21.12.2007 • Kategorien: Allgemein, PolitikObwohl viele Oldenburger im Oktober 2006 weniger für den neuen Kandidaten, als vielmehr gegen ein Neubauprojekt votierten, kam es bekanntermaßen ganz anders. Der »Organismus Oldenburg« lief Gefahr zu kollabieren, wäre nicht schnell ein Wirt für den schwedischen Symbionten vor den Toren der Stadt gefunden worden. Schnell eine fiebersenkende Dosis ECE vom neu bestellten Stadt-Doktor. Einzige Nebenwirkung: der Verlust politischer Glaubwürdigkeit. Oldenburgs Bürger werden mit der bitteren Medizin leben lernen. Und als Trostpflaster verspricht das edle Etikett »Schlosshöfe« wenigstens eine fürstliche Entschädigung: Parkplätze für die Kutschen, eine Kulturlounge für höfisches Spiel und Gastronomie für königlichen Genuss.

Doch ist zu befürchten, dass selbst die Schlosshöfe nicht alle in den Stand der Adeligen heben. Ein sorgfältiger Blick auf die abwechslungsreiche Café- und Gastrowelt der erst im Juli bundesweit ausgezeichneten »Lebenswerten Innenstadt« lässt vermuten, dass für diejenigen, die sich mit dem Rollstuhl und gezwungenermaßen mit dem Blick auf Oldenburgs Bäuche durch das kantenreiche Terrain fortbewegen, weiterhin Standesgrenzen bestehen bleiben.
Kaffee ist hier das eigentliche Stichwort. Bis dato ist es ein Privileg der Fußgänger in ihrer Zone eines der zahlreichen Cafés, seine Produkte und sanitären Einrichtungen, sprich Toiletten, zu nutzen. Letzteres Detail ist von immenser Wichtigkeit, will man verweilen und die sprichwörtliche Kaffeehauskultur genießen.
Die eigene Optik verändert sich wahrscheinlich erst, wenn man einen Rollstuhlfahrer begleitet. Die Welt, die wir so selbstverständlich benutzen, zeigt sich als eine, die unsere Körper formt und stumm an sich ausrichtet. Körperliche Standard- und Normalmaße zeigen sich auf einmal in all ihren Höhen und Tiefen. Die Längen- und Breitengrade der normalen Dingwelt erschweren jedoch ihre Benutzung für Rollstuhlfahrer oder machen sie schlicht unmöglich.
Eine Internet-Recherche mit den Stichworten »Behinderung« und »Oldenburg« zeigt schnell, dass es durchaus Initiativen gibt, die sich für diesen Personenkreis und eine Verbesserung der Lebensbedingungen engagieren: Soziale Dienste, Sportvereine, Kriseninterventionsangebote und eine Tanz-Rolli-Gruppe lassen sich dort finden. Diese Bemühungen sind wichtig, zielen aber nicht so sehr darauf ab, eine Salatbar so zu gestalten, dass man »drauf« sehen kann. Das obere Drittel des Tageszeitungsständers ist weiterhin unerreichbar. Dafür bleibt Rollstuhlfahrern alle Muße für die tiefpreisigen Produkte im Supermarkt, die meist unten stehen. Wenn es richtig ist, dass sich soziale Unterschiede in den Anordnungen der Dinge und Körper wiederholen, dann müssten Rollstuhlfahrer eine Schatzkiste an Erfahrung haben, dessen Bergung den Blick für die »Unterwelt« öffnet. Rollstuhlfahrer und Kinder hätten sich diesbezüglich sicherlich viel zu erzählen. Letztere werden allerdings mit einem Gratiswürstchen an der Wursttheke dafür belohnt, dass sie schon wieder größer geworden sind. Der Rollstuhlfahrer bleibt klein und sperrig. Zu sperrig zumindest, um in Oldenburgs lebenswertem Zentrum einen Kaffee trinken oder gar verweilen zu können. Zudem bevorzugt nicht jeder Rollstuhlfahrer zwingend Krisen, sondern möglicherweise nur: Kaffee. Die Freiheit ein Café besuchen zu können, könnte möglicherweise manche Krisenintervention unnötig werden lassen. Die Agendagruppe der Lokalen Agenda 21 setzte ein kleines, aber feines Zeichen, indem sie den Verschenkemarkt montags von 12 bis 12.30 Uhr nur behinderten Menschen (mit Schwerbehindertenausweis) zugänglich macht. Ein sicherlich größeres Zeichen wäre dasselbe Verfahren mit dem Oldenburger Weihnachtsmarkt. Doch der Stadt sind hier Grenzen gesetzt. Eine engagierte Bürgerschaft und ebensolche Gastronomen wären gefragt; der ein oder andere, der seinen Architekten um nichts anderes als eine Rampe und eine etwas breitere Klo-Tür bittet. Vielleicht noch einen Klingelknopf, falls das Papier nicht nachgefüllt wurde. Vielleicht ein Spiegel, der ja nicht unbedingt tiefer hängen muss, sondern einfach länger ist; auch Rollstuhlfahrer sind eitel. Vielleicht verzichtet man im Gegenzug auf die platzraubende Installation von Pissoirs – letztlich ja sowieso ein Affront gegen die Bemühungen all der putzenden Mütter, die ihre Jungs als verständnisvolle Sitzpinkler sehen wollen. Hier geht es sicherlich nicht um karitative Kaffeehaus-Architektur, sondern vielmehr um die Herstellung kommunaler Öffentlichkeit. Auch nicht (nur) um die Schwierigkeiten des rollstuhlfahrenden Anteils der Bürgerschaft, sondern um ein Beispiel dafür, die Alltagskultur einer Stadt im Hinblick auf alle ihre Bewohner mit Begriffen wie Normalität, Nutzung, Vielfalt, Öffentlichkeit usw. zu konfrontieren. In diesem Fall also bitte kein Sozialdrama. Nur ein Kaffee, ein Gespräch, Momente des Verweilens und das Gefühl von Zugehörigkeit, das verschwindet, wenn man dazu gehört. Etwas, das im Prozess der ECE-Beschlüsse verloren gegangen ist, könnte sich in einem heiß servierten Kaffee erneuern. | D. Weißer
verlag ist stadtpark
Email an den Autor | Alle Beiträge von verlag



