Erlangen 2008: Eastern Promises
von ori • 25.06.2008 • Kategorien: Allgemein, ComicsDer XIII. Internationale Comic Salon in Erlangen vom 22. bis 25.05.2008 zeigte, dass sich die Comicszene Deutschlands verändert: Von einer Spielwiese für große Jungen und einem Hort der Spezialistenkultur wandelt sie sich mehr und mehr zu einer vielgestaltigen, schillernden Kultur, die ihren Ursprüngen langsam entwächst.
Schien sich die traditionelle Stammkundschaft, die noch vor wenigen Jahren das Innere eines Comicladens bevölkerte, oftmals aus kaum ganzer Sätze mächtiger, für immer in ihrer Pubertät steckengebliebener junger Männer zu rekrutieren, die enthusiastisch über eminent wichtige Grundsatzfragen debattierten wie »Ist Batman eigentlich stärker als Al Kaida« (Themen, mit denen sich Frank Miller leider immer noch beschäftigt) – sowie reiferen Herren in weiten Mänteln, die in der Erotikabteilung schweratmend überteuerte und schlecht übersetzte französische Hardcoveralben wie Pilotfische den Futter verheißenden Hai umkreisten, bietet sich heutzutage beim Besuch eines derartigen Geschäftes ein weitaus erfreulicheres Bild – nämlich jenes, dass sich wie jede das Leben reflektierende Kunst, diese stets auch in der Vielfalt ihrer Anhänger wiederspiegelt.
So auch die Besucher des Comic Salons: Auffällig waren die vielen jungen und vor allem weiblichen Teilnehmer, die sichtliches Interesse an neuen Entwicklungen der neunten Kunst zeigten. Nun hat der Manga-Boom und der damit zum Teil einhergehende Cosplay-Faktor einen nicht zu unterschätzenden Anteil an dieser Entwicklung. Doch die ebenfalls hohe Quote an aktiven, kreativ tätigen, weiblichen Besuchern war nicht zu übersehen – und diese beziehen sich eben nicht nur auf den Manga-Bereich oder darauf, sich als zwölfjährige Cosplay-Spielerin im Latex-Dress in zum Teil fragwürdigen Posen ablichten zu lassen (…und jetzt wissen Sie auch, wo die Pilotfische verblieben sind). Allein die Ausstellungsstände der deutschen Kunstschulen, die im »Jungen Forum« mit aufstrebenden jungen Talenten beiderlei Geschlechts und vielfältigen Werken antraten, waren ein Beleg dafür – und mehr als nur einen Blick wert.
Für eine Kunst, der immer wieder ihr nahendes Ende durch bewegtere, aber nicht unbedingt bewegendere Bilder aus dem Computer oder dem Fernsehen vorhergesagt wird, einhergehend mit dem latenten Ansteigen des von ebendiesen abhängigen (und dabei entweder dumpf vor sich hin dämmernden oder schwer hyper- und interaktiven, auf jeden Fall zunehmend analphabetisierten) Pöbels vor den Monitoren, doch ein ermutigendes Signal.
Wie auch trotz allgegenwärtiger Rezession die positive Grundstimmung auch bei der erst eher skeptisch ob der wirtschaftlichen Erfolgsaussichten eingestellten teilnehmenden Verlagsindustrie zum Ende des Salons sehr spürbar war.
Schön, schön, denn auch wenn Erlangen nicht nur durch die professionelle Handhabung, sondern auch durch liebevolle Behandlung der Besucher, inklusive der Künstler, Verlage und Presse, glänzt (und die übrigens jedes mittlere Filmfestival vor Neid erblassen lässt), so wäre das Ausbleiben des einen oder anderen Verlages für das Gesamterscheinungsbild eines die gesamte deutsche Szene repräsentierenden Salons doch ein herber Schlag gewesen.
Gefördert von der Stadt Erlangen und seinen Kulturämtern, genießt diese leider in Deutschland immer noch nicht so richtig etablierte Kultur hier für vier Tage einen Stellenwert, der einen dann nicht mal mehr von artverwandten Institutionen wie dem französischen Angouleme oder Lucca in Italien träumen lässt.
Man hatte sich wirklich Mühe gegeben, die ganze Bandbreite des Mediums samt angrenzender und verwandter Bereiche darzustellen – von musealen und somit in den Stand hochkultureller Weihen erhobener Ausstellungen (»Am Rande des Comics – old boys & young boys«) bis hin zum flankierenden Comicfilmfestival, dessen Gezeigtes sich der Inhalte des Mediums (»Atom nine adventures«) bediente oder von ihren Schöpfern (mit-)gestaltet wurde (»Peur(s) du noir« u.a. von Charles Burns und Lorenzo Matotti) – es gab eine Menge zu entdecken.
Auch die Musik. Wobei, mal abgesehen vom musizierenden Comic-Künstler Jim Avignon und dem Konzert seines Projektes »Neoangin« sowie der Musikaffinität eines mit dem »Max und Moritz«-Preis für seine Johnny-Cash-Biographie »I see a darkness« ausgezeichneten Reinhard Kleist, konnte einem das Musikverständnis einiger Comicfreunde schon Sorge bereiten.
Zumindest nach dem Genuss der Showband am Galaabend im Stadttheater anlässlich der Verleihung der »Max und Moritz«-Preise, die es sich nicht nehmen ließ, »comicverwandte Film- und TV-Serienmelodien« darzubieten und zum Auftritt der Zeichnerin Anke Feuchtenberger (»Die Hure H. wirft den Handschuh«), ausgerechnet, den Titelsong eines Werner-Films, nämlich »Beinhart« der Gruppe Torfrock zu spielen. War schon zum Lachen, wenn es nicht so zum Weinen gewesen wäre. (Es gab jedoch durchaus früchtetragendere Projekte bei dem Versuch, die beiden Kunstformen zusammenzuführen: Die Verbindung Manga und Musik wurde mit teils erstaunlichen Resultaten innerhalb der Ausstellung »Ballroom Blitz vs. Subway to Sally Storybook« präsentiert.)
Und überhaupt, die Gala, moderiert von Dennis Scheck: Überragende Siege für den anspruchsvollen Autorencomic überwiegend kleinerer, unabhängigerer Verlage; doch dass bis auf Hansrudi Wäscher (okay, geschenkt, aber sympathischer Typ) und Alan Moore (na ja, Lebenswerk) der – ahem – kommerzielle, unterhaltende Comic oder insbesondere dessen angloamerikanische Vertreter berücksichtigt worden wären – Fehlanzeige. (Abgesehen von Paul Hornschemeier »Komm zurück, Mutter« und David Petersens »Mouse Guard«; aber ersterer macht Independent-Comics, letzteres fällt eher in die Sparte Kinderbuch.)
Paninis »Desolation Jones« von Warren Ellis und J.H. Williams III hätte zumindest eine Nominierung verdient – auch und gerade wegen des hohen Niveaus. Und wieso Mangaka eine eigene Kategorie bilden und nicht unter »Internationale Comics« fallen, müsste man eventuell einmal mit dem Schubladen-Beauftragten des Preiskomitees diskutieren.
Apropos »Internationale Comics«: Die Ausstellung Chinesische Comics überraschte mit dem, was da so ans Licht kam (sehr schön: Han Feng) und der erste Starkult ist auch schon zu vermelden: Der Verlagsstand von Tokyo Pop erinnerte zeitweise mehr an ein Tokio Hotel, als der Shooting-Star der chinesischen Zeichnerszene, Benjamin, dort eine Signierstunde abhielt. Auch sichtete man schon gutverdienende Angehörige aus Münchens Oberschicht, die sich mit Plakaten dieses Zeichners für ihre Schlafzimmer eindeckten… über die künstlerische Wertigkeit selbiger darf man durchaus geteilter Meinung sein, muss es aber nicht.
»Free Tibet«-Aktivisten waren vor den Eingängen der Ausstellung mit etwas klischeehaftem Interieur und der mit Hintergrundinformationen zu den Zeichnern und deren Situation unter einem repressiven Regime sparsamen Werkschau übrigens nicht zu entdecken. Aber seit der tragischen Erdbebenkatastrophe dürfen sich die Chinesen wohl alles erlauben.
Einzige kritische Begleitung fand lediglich durch die Ausstellung »Kung Fu, Drachen, Abenteuer – Das Bild Chinas und der Chinesen im europäischen Comic« statt – diese warf aber nur dunkle Schatten auf unsere Kultur und den in ihr gepflegten, oft stereotypen Umgang mit der anderer Völker. Sehl aufschlussleich.
Bleibt zusammenfassend zu sagen: Gute Wachstumsphase hingelegt, Medium Comic. Jetzt heißt es, mit dem Erwachsensein souverän umzugehen und den Karren nicht gegen die Wand zu fahren. Brumm, Brumm!
Michel Vaillant aka ori.
ori ist Oliver Ristau
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