Mein Leben als Suchmaschine
von crib • 18.08.2008 • Kategorien: Allgemein, Literatur, RezensionenZugegeben, die gut fünfzig Geschichten erschließen sich nicht sofort, es dauert eine Weile, dann springt der Funke über - oder auch nicht. Man schmunzelt, wundert und stimmt zu. Eines muss man Horst Evers lassen, er polarisiert den Leser. Gerade verzieht sich die letzte Lachfalte, kommt die Ernüchterung schon auf dem Fuße.
Autobiographisch, jedoch nicht ganz ernst gemeint führt er aus der Ich-Perspektive durch Lebenssequenzen eines kindlich naiven und äußerst konfusen Mannes, der so heutzutage garantiert vermehrt zu finden ist, auch oder vor allem in Berlin, dem Schauplatz der Erzählungen. Dieser Mann von Welt also, macht eine ihm zu Ehren initiierte Weltverschwörung für das Zuspätkommens des Busses verantwortlich, dieser glaubt ihm sei im Schlaf der ganze Körper entwendet worden, weshalb er sich nun mit verbrauchten Muskel- und Fettgewebe rumschlagen müsse und dieser erklärt seiner Tochter die menschliche Fortpflanzung unter Bezugnahme auf »Hermann den Cherusker«, welcher im Teutoburger Wald Römer fickte.
Offensichtlich hat Evers eine Affinität zum Absurden. Wenngleich seine Ausführungen definitiv weitab und absonderlich klingen, sind die grundlegenden Situationen doch sehr alltäglich und nachvollziehbar. Charaktere wie »Ralle« sind lebensnah und wirken beinahe wie der cholerische Nachbar eine Tür weiter. Genau dieser Kontrast zwischen Normalität und Irrsinn bringt ihm Sympathie des Lesers ein, denn plötzlich erscheint der Alltag so voller Komik.
Des Autors Intuition besteht jedoch nicht lediglich in der Darstellung alltäglichen Witzes, mit ironischen Parallelen verweist er den Leser auf seine Sicht der Dinge. Toaster und Videorecorder werden personifiziert, quasi zum Leben erweckt und der Autor konstatiert hierbei seine Ansicht zur Automatisierung der Gesellschaft. Auch Politisches lässt sich erkennen. Ist doch zu lesen Amerika würde das Wetter militärisch angreifen, würde dieses nicht aufhören mit seiner Willkür- und Schreckensherrschaft. Ein schöner Vergleich! Probleme des Lebens werden thematisiert, ja fast schon gesellschaftskritisch kommt Evers daher mit Erzählungen wie »Wer nichts macht«, hierbei konfrontiert er den Leser mit der modernen »Multitastking-Paradoxie« oder witzelt mit pseudo-philosophischen Erkenntnissen wie: »Wer keine Ziele hat, kann auch nicht scheitern, sonder reist auf einer nie endenden Straße des Erfolgs.«
Alltägliches zu erfassen und Sprachwitz zu implizieren, das sind die eindeutigen Pluspunkte des »Lebens als Suchmaschine«, jedoch ist Letzteres mit Vorsicht zu genießen, denn das Niveau vermag zu schwanken und die Frische auf der Strecke zu bleiben. Oft wirken seine Formulierungen gezwungen jung und modern, der Mittdreißiger mag sich zwischenzeitlich wohler fühlen, als der junge Interessent, der Möchtegern-Slang auf den ersten Blick durchschaut. Liegt es nun an mangelndem Talent oder einfach an demographischen Differenzen zwischen Evers und der von ihm angepeilten Leserschaft? Diese Frage bleibt wohl offen und dem Leser zu urteilen frei, denn wie so oft, kann sich nur der eine ernsthafte Meinung bilden, der es gelesen hat. Mehr denn je gilt dies im Falle des vorliegenden Buches. Nur, sich seine eigenen Ansichten zu schaffen, wird hier zu einer spaßigen und vor allem kurzweiligen Unternehmung.
crib ist Christian Babendreier
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