Comic-Rezensionen 09/08
von ori • 26.08.2008 • Kategorien: Allgemein, Comics, Rezensionen»Arzach« / »Die hermetische Garage«
Jean Giraud alias Moebius widmete sich in der freien Zeit, die ihm die Arbeit an dem berühmten Comic-Western »Leutnant Blueberry« ließ, der Erschaffung von »Arzach«.
Stilistisch und inhaltlich unterschiedlich von bisherigen Arbeiten, halfen die Episoden dieser Serie nicht nur, den Blick auf seine enormen künstlerischen Fähigkeiten zu lenken, sondern auch das von ihm mit Kollegen aus der französischen Comicszene in den 70er-Jahren aus der Taufe gehobene Magazin »Metal Hurlant« zum Erfolg zu führen.
Gelöst von narrativen Zwängen, arbeitete er assoziativ und auch nicht immer frei von bewusstseinsverändernden Stimulanzien an der Schöpfung einer buntschillernden Fantasiewelt mit humorvoller Komponente und dabei fast ohne Worte auskommend.
Ähnliches gilt für »Die luftdichte Garage des Jerry Cornelius«, nur dass diese im Gegensatz zu »Arzach« konsequent schwarzweiß gehalten und dabei von großer stilistischer Vielfalt ist sowie voller Anspielungen auf andere Comics steckt.
Der Titel ist vermutlich auf den britischen Autor Michael Moorcock zurückzuführen, über dessen Jerry-Cornelius-Tetralogie Brian W. Aldiss in seinem Standardwerk über SF-Literatur »Der Milliarden-Jahre-Traum« folgendes schrieb: »[…] die Cornelius-Abenteuer sind eine schwarze Komödie, die nicht in Zeit und Raum spielt, sondern in allen Räumen und allen Zeiten […] – in Moorcocks allumfassenden ›Multiversum‹, diesem Reich unbegrenzter Möglichkeiten.«
Die Initialen JC könnten aber auch für etwas völlig anderes stehen…
»Der Schimpansenkomplex 1: Paradoxon«
Im Jahr 2035 kehrt eine alte Raumkapsel aus dem All zurück und löst auf der Erde einen Schock aus – die Insassen sind Neil Armstrong und Buzz Aldrin.
Dadurch werden zwei Fragen provoziert: Wer war in der Kapsel, die bei der Apollo-Mission im Jahr 1969 zurückkehrte und – wie weit darf zeichnerischer Realismus gehen, sehen die Zeichnungen dieses Comics doch fast wie Fotografien aus?
Szenarist Richard Marazano und Zeichner Jean-Michel Ponzio gedenken die erste Frage wohl nicht vor dem Abschluss der auf drei Bände angelegten Serie zu beantworten. Die zweite Frage beantworten wir hier.
Die Problematik einer allzu sehr der Fotografie angenäherten Darstellung – einer Art Hyperrealismus – birgt immer die Gefahr einer Sterilität und kann darüber hinaus einen Stillstand im Lesefluss bewirken; ganz so, als ob ein Film immer wieder anhalten würde. (Was aber auch funktionieren kann – siehe Chris Markers Standbild-Film »La Jetée«, der inhaltlich Vorbild für Terry Gilliams »12 Monkeys« war.)
Am Ende kann vor lauter Detailtreue der Verlust des eigenen künstlerischen Stils stehen. (Für Interessierte: Die Rezensionen von Dietmar Dath und Andreas Platthaus zu Dave Sims »Judenhass« und »Glamourpuss« im FAZ-Feuilleton vom 25.07.08 beschäftigen sich ebenfalls mit diesem Thema.)
Doch dank eines wirklich spannenden Plots, der auch menschliche Aspekte nicht vernachlässigt, kann man, wenn auch gezwungenermaßen, im Fall von »Der Schimpansenkomplex« darüber hinwegsehen.
ori ist Oliver Ristau
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