Comic-Rezensionen 11/08

von ori • 28.10.2008 • Kategorien: Allgemein, Comics, Rezensionen

»Remember« / »Orange«

Viele Comickünstler lassen durch den Einsatz von Computern sterile Bilderwelten entstehen oder suggerieren eine vorgebliche Modernität – nicht jedoch der chinesische Zeichner Benjamin: Sein auf die Menschen gerichteter Blick schützt ihn vor derartigen Irrwegen. Gleichzeitig bewirkt dieser Kunstgriff, dass sich der Spagat einer im Umbruch befindlichen Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne in seinem Werk widerspiegelt.
Und so nimmt Benjamin im aufblühenden und dabei im eigenen Lande alles umwälzenden Kapitalismus, der in eine kommunistische Parteidoktrin gewandet ist, die Rolle eines Zweiflers und Unzufriedenen ein. In einem System konkurrierender und sich widersprechender Ideologien erinnern die sich in seiner Arbeit manifestierende rebellische Pose sowie eine mitunter popularisierte romantische Verweigerungshaltung in Wortwahl und Stimmung gelegentlich an die ernstere Poesie eines Pier Paolo Pasolini.
Den italienischen Schriftsteller und Regisseur hatten wachsender Pragmatismus innerhalb der italienischen Kommunistischen Partei und deren politische und moralische Annäherung an christdemokratische Positionen (kulminierend in einer Regierungskoalition im Italien der 70er-Jahre) in kämpferische Opposition getrieben. Fortan prägte diese sein künstlerisches Handeln, brachte aber darüber hinaus resignative Töne in seinem Werk hervor, vor allem in einigen Gedichten (»La religione del mio tempo«).

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Benjamin, ebenfalls schriftstellerisch tätig, der unter einer ideologisch verwandten, jedoch undemokratischen und daher repressiver agierenden Konstellation arbeitet, ist dadurch in der Situation, eine ähnlich gelagerte Kritik mit anderen Mitteln vortragen zu müssen, um nicht den Unmut der Zensoren zu erregen. Was ihm nicht immer gelang, wie man den Anmerkungen zu seinem Werdegang in »Remember« entnehmen darf.
Diese Geschichtensammlung, die unter anderem mit Seitenhieben auf Teile der engstirnigen chinesischen Comic-Szene nicht spart, umfasst die für Benjamin wiederkehrenden Motive in seiner Arbeit: das Leben junger Chinesen zwischen gesellschaftlichen Zwängen und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung – gestalterisch umgesetzt zwischen zeichnerischem Hyperrealismus und grafischem Expressionismus in detonierenden Farbräuschen.

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Das weitaus geschlossener wirkende »Orange«, das aus dem Leben eines jungen Mädchens erzählt und dabei Themenkreise wie Alkoholismus, Sex und Suizid streift, zeichnet sich durch liebevolle Charakterstudien und eine zeichnerische Schroffheit aus, die mehr an Aquarelle oder Ölgemälde als an Computerkunst erinnert. Gelungene Panelgestaltungen innerhalb perfektionierter Seitenkompositionen entfalten darüber hinaus einen sogartigen Erzählfluss, der Benjamins großes künstlerisches Talent beweist.
»Orange« stieß bei chinesischen Verlegern zunächst auf wenig Gegenliebe. Erst über den Umweg nach Frankreich erblickte sein Werk schließlich das Licht der Welt.
Benjamin, Tokyopop, 192 / 128 Seiten, ISBN: 978-3-86719-443-3 / 978-3-86719-444-0

ori ist Oliver Ristau
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