Protest an der falschen Adresse
von cell • 22.12.2008 • Kategorien: Allgemein, PolitikAm Samstag, den 22. November 2008 stürmten einige Maskierte – zugehörig der Organisation »Die Überflüssigen« – das Restaurant »Tafelfreuden« und trieben Schabernack mit den Gästen: Sie tranken aus ihren Gläsern, aßen von ihren Tellern, verteilten Flyer und warfen Konfetti in die Luft.
Die Überflüssigen »greifen die Barbarei des Kapitalismus an, in der Menschen nicht als Menschen, sondern als gesichtsloser auszubeutender Rohstoff verkommen und ihre Vielfalt für rassistische und sexistische Unterdrückung instrumentalisiert wird«, ist auf einem ihrer Flyer zu lesen. Wie konnten einige ihrer Anhänger – vor diesem Hintergrund – nur ausgerechnet im »Tafelfreuden« landen?
»Die Wahl eines Restaurants mit Bio-Zertifizierung, Fair-Trade-Produkten, Kooperationspartner der Tafel e.V., Diakonie und bekannt für sein soziales Engagement z.B. in der Ausbildung/Praktikumsgestaltung langzeitarbeitsloser Jugendlicher deutet auf eine schlecht recherchierte Vorbereitung hin«, heißt es in einer von Stefan Aufleger, dem Inhaber des »Tafelfreuden«, unterzeichneten Pressemitteilung.
Die etwa zehn jungen Akteure, alle trugen einen roten Kapuzenpullover mit dem Aufdruck »Die Überflüssigen« (Marke »Fruit of the loom«, übers Netz zu bestellen für 18 bis 20 Euro plus Porto) und weiße Masken, verteilten Flyer und wollten mit den Gästen diskutieren. Die verständlicherweise zunächst verschreckten Restaurantbesucher haben laut Angaben des Inhaberpaares Stefan und Andrea Aufleger auf diese Aktion sehr souverän und insgesamt gelassen reagiert. Sie waren zum Teil auch bereit, auf die Diskussionen einzugehen. Doch sobald man etwas mehr nachhaken und etwa den genauen Grund für diese Aktion erfragen wollte – was Andrea Aufleger später auch noch vor dem Restaurant versuchte –, haben sich die Akteure auf keine weitere Diskussion eingelassen und verwiesen nur mehrfach auf ihre Flyer, in denen doch alles erklärt werde.
Ein Gast soll die Akteure direkt angesprochen und gesagt haben, dass sie selber Hartz-IV-Empfängerin sei und trotzdem im »Tafelfreuden« essen könne. Auch darauf gingen die Demonstranten nicht weiter ein.
Besonders fragwürdig ist für Andrea Aufleger der über die Flyer kommunizierte Angriff auf die Bio-Branche. »[…] biologisch ist euer Label, das euch zu besseren Menschen macht, die über ihr beruhigtes soziales Gewissen vergessen, dass dieser Lifestyle Ausgrenzungen produziert […]« ist dort zu lesen. Dazu Andrea Aufleger: »Auf die immer größer werdenden Gesellschaftsunterschiede aufmerksam zu machen, ist ja durchaus sinnvoll und auch nötig. Aber ich denke, dass gerade der Bereich Bio, auch für die Gastronomie, für die Zukunft absolut wesentlich ist und eine Selbstverständlichkeit werden muss.«
Versucht man die Verantwortlichen zu kontaktieren, um sie um eine Stellungnahme zu beten, gelangt man über die Homepage der »Überflüssigen« auf ein Kontaktformular (ein Impressum gibt es nicht), das nicht funktioniert. Da die Seite auch sonst nur wenig informiert – außer dem Standardtext, der auch auf den Flyern abgedruckt ist, ist dort nicht viel zu finden –, fragt man sich, wer genau hinter dieser Initiative steckt.
Da eine Kontaktaufnahme nicht möglich war, bleibt die Antwort auf die Frage, warum die »Überflüssigen« sich das »Tafelfreuden« für ihren Protest ausgewählt haben, somit offen.
cell ist Claudia Ellebrecht
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