Eine Handvoll Wertberichtigung und ehrbare Kaufleute
von ori • 26.01.2009 • Kategorien: Allgemein, Literatur, RezensionenBelletristik zwischen Wort und Wirtschaft - Die Weltwirtschaft kränkelt: Bankinsolvenzen und Auftragsflauten in der Industrie, Investitionsprogramme von staatlicher Seite. Werksstilllegungen und die Einführung von Kurzarbeit sowie zurückhaltendes Konsumverhalten sind einige der bereits zu beobachtenden Folgen. Damit einhergehend hat eine Debatte über Ethik und Moral innerhalb einer globalisierten Wirtschaft begonnen, die sich in der Unterhaltungsliteratur ebenfalls widerspiegelt.
Da wäre zum einen Oliver Ristau mit seinem Debüt »Wertberichtigung«. Das in Hamburg und Barcelona spielende Buch handelt von zwei Jungunternehmern, die bei dem Versuch der wirtschaftlichen Expansion plötzlich zu einer Reflexion ihrer Lebensumstände gezwungen sind und schließlich zur Findung der eigenen Persönlichkeit gelangen. Diese Ereignisse werden in erster Linie durch ein Handlungspersonal, das sich aus halbseidenen Unternehmern, windigen Psychogurus und wackeren Frauengestalten rekrutiert, angestoßen. Dementsprechend ist die zugrunde liegende Handlung gestaltet: trivial bis an die Schmerzgrenze, wobei insbesondere die Szenen um die ihrem von Gangstern entführten Freund Leon nachforschende Jeanette schwer auszuhalten sind:
»›Kommt man hier irgendwie rein?‹, wollte Jeanette von Susanna wissen, die zur Antwort ihre Stirn in Falten legte. ›Das ist nicht einfach. Aber du weißt womöglich die Lösung, denn die Liebe findet immer einen Weg.‹«
Mal abgesehen davon, dass Susanna psychologisch fundierte und existenzielle Lebensweisheiten wie Sauerbier ausschenkt (passenderweise ist die Dame übrigens als Tresenkraft tätig), zeigt die Dialogergänzung ein weiteres Manko des vorliegenden Werkes auf: Die klischeebehafteten Sätze beinhalten oft überflüssige Informationen – auch zu den Handlungsschauplätzen. Doch so schön eingestreute und kenntnisreiche Fakten zum Lokalkolorit beitragen mögen, im Übermaß behindern sie die Handlung und den Lesefluss ungemein – und der an derartigen Details interessierte Leser greift besser zum Reiseführer. Ein effektiveres Lektorat hätte diesem Werk sicher gut getan, das die Hintergründe wirtschaftlichen Wirkens nicht so recht oder nur auf niedrigem Niveau zu offenbaren vermag.
Noch ein Zitat gefällig? »›Die Frauen wissen, was gut für uns ist.‹«
Wir auch. Daher nun schnell wie der Turbokapitalismus zu einer begrüßenswerten Wiederveröffentlichung, die sich bereits vor mehr als fünfzig Jahren mit dem Leben in einer wirtschaftsdominierten Welt befasste: die Dystopie »Eine Handvoll Venus« von Frederick Pohl und Cyril M. Kornbluth.
Auch hier reißt es einen Emporkömmling aus seinem gewohnten gesellschaftlichen Kontext. Dadurch gelangt er zu Erfahrungen, die ihn am Ende verändern werden. In einer zukünftigen Welt, die Kritik am Konsum und der ihm systemimmanenten Werbung bestraft, hat sich die allmächtige globale Industrie, die schon mal einen ganzen Subkontinent wie Indien zur Fabrik umwandelt, für radikale Wege der Produktanbindung wie süchtigmachende Zusätze in Genussmitteln gesorgt – besonders bei letzterem muss man an Gerichtsverfahren der jüngeren Vergangenheit gegen Tabakkonzerne denken.
Sprachlich treffsicher formuliert überzeugt der Text inhaltlich ebenfalls durch seine Ironie sowie bösen Witz – ein kapitalismuskritischer Klassiker aus der McCarthy-Ära, der nicht mit dem damaligen Zeitgeist konform ging und somit immer noch aktuell und vor allem von Bedeutung geblieben ist.
Oliver Ristau: Wertberichtigung, Worte-Taten Verlag, 252 Seiten, ISBN: 978-3-00-025234-1
Frederik Pohl/Cyril M. Kornbluth: Eine Handvoll Venus, Heyne, 304 Seiten, ISBN: 978-3-453-52394-4
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