CD-Rezensionen 04/09 I

von abo • 26.03.2009 • Kategorien: Allgemein, Musik, Rezensionen

»Fever Ray – fever ray«
Karin Dreijer Andersson, besser bekannt als eine Hälfte des schwedischen Elektroexports The Knife, wandelt auf Solopfaden und präsentiert nun ein Werk, das sich zwar nahtlos an »Silent Shout« anknüpfen ließe, jedoch langsamer und düsterer ist (siehe Cover-Artwork). Mit pluckernden Beats und einer kompromisslosen Verwendung der Elektronik erschafft sie eine komplett eigene Welt, in der sich Untiefen der Seele auftun. Loops, Schüttellaute, metallische Effekte und tiefe synthetische Klänge verschmelzen mit ihrer herrlichen kühlen Stimme, so dass es beim Hörer teilweise sogar ein gruseliges Gefühl hinterlässt. So schön und so anders. Ein fesselndes Album der Spitzenklasse.
fever_rayweb.jpg
Cooperative Music/Rabid Records/Universal






»Peter, Bjorn and John – living thing«
»Hey, shut the fuck up boy, you’re starting to piss me off.« Mit einem Rumms und einem Ungetüm an Kreativität meldet sich das schwedische Trio, das man durch seinen 2006er Ohrwurm »Young Folks« kennen sollte, mit dem fünften Album zurück – inklusive herrlichen Stilmixen, teilweise elektronischen Spielereien und tollen Kompositionen. Experimentierfreudig, energiegeladen, empfehlenswert!
peter-bjron-johnweb.jpg
Wichita/Cooperative Music/Universal






»The Prodigy – invaders must die«
Die einstigen Vorreiter der Big-Beat-Welle sind zurück und wollen mit ihrem fünften Album wieder an ihre Erfolge der 90er-Jahre anknüpfen. Und das könnte gelingen. ADHS wird hier in Form von elf Songs musikalisch umgesetzt und somit in »Voll auf die Fresse«-Manier dem tanzenden Volk den Atem rauben. Brachial krachend mit Dicke-Hose-Beats und Mörderbässen, bis das Trommelfell platzt oder die Synapsen die Arbeit einstellen.
prodigyweb.jpg
Vertigo/Universal






»Birdpen – on/off/safety/danger«
Zuallererst soll gesagt sein: Welch ein Debüt! Irgendwo zwischen Coldplay und Radiohead mit Depeche-Mode-Einschlägen einzuordnen, erschaffen die Briten einen eigenen Sound, dem man sich nicht entziehen kann. Vom ersten Moment fängt das Album den Hörer. Man kommt sich vor, als ob man alle Lieder irgendwie schon kennt, merkt dann aber auch wieder, dass dem nicht so ist. Eine tolle Mischung aus Rock, düsterem Pop und elektronischen Spielereien. Vertont werden hier psychedelische Wahnvorstellungen der drei Jungs, die sich textlich eher düster und depressiv gestalten und emotional mitnehmen, aber dann seltsamerweise doch wieder warmherzig wirken. Elf abwechslungsreiche Lieder zwischen Depression und Optimismus, welche zum Applaus auffordern. VÖ: 27.03.09
bp-oosd-cover_01web.jpg
Les Oreilles Blues Records/Al!ve






»Kommando Zurueck – from out of space«
Boah! Was ist das denn? – Das ist wohl der Gedanke, der einem bei diesem Album als erstes in den Sinn kommt. Joa, was soll man dazu sagen? Wummernde, schranzige Beats mit schrägen Texten wie: »Einer mag gern Eier, ein anderer Spinat – doch ich mag am liebsten Natriumglutamat.« Oder: »Und bist du nicht mal im Völkerballverein, dann kannst du immer noch Deutschland sein.« Wie man das musikalisch einordnen kann: Technoschranzpunkelectrotrash gepaart mit ATARI-Mucke aus den 80ern. Textlich wird hier aus dem Vollen geschöpft: Es wird über Bier von der Tanke, Laserstrahlen und Nerds gesungen und man will gar nicht wissen, wie die Münsteraner auf solche Gedankenergüsse gekommen sind. Großartig, witzig und teilweise an der Grenze zur Unanhörbarkeit – definitiv sehr unterhaltsam!
kommando-zurueckweb.jpg
Kill All Human Records/Filsinger Production/Elfenart Records/politicide.net






»Tokyo Black Star – black ships«
Auf Innervisions veröffentlicht das Duo nach zahlreichen EPs endlich sein Albumdebüt. Für den Hörer ist es eine Reise durch verschiedenste Sphären der geografischen wie auch elektronischen Tonwelt, wobei die 14 Tracks doch klar im Zeichen des Detroit-Technos stehen. Der in Japan aufgewachsene Franzose Alex From Tokyo und der Produzent Isao Kumano verstehen es, einen auf Analogsynthesizern basierender Sound mit etwas House und tiefen Dub-Tönen oder leicht wirren Klangkreationen zu mischen. Ein experimenteller Langspieler, der sich durch unterschiedlichste Einflüsse und interessante Kompositionen auszeichnet. Fein. VÖ:30.03.09
cover1blackshipsweb.jpg
Innervisions






»Miss Kittin & The Hacker – two«
Als Einzelkämpfer sind beide schon als Musiker, DJs, Produzenten und Autoren bekannt, nun tun sich Miss Kittin (Caroline Hervé) und The Hacker (Michel Amato) wieder als Duo zusammen und veröffentlichen nach dem »1st Album« das Werk mit dem passenden Namen »Two«. Es erwarten den Hörern elf cluborientierte Songs im Cyberpop-Gewand. Nach einer intergallaktisch-stampfenden Eröffnung (»The Womb«) geht es weiter mit einem Hauch von Synthie-Pop (»1000 Dreams«). Die 80er-Jahre schimmern eh als durchgehendes Motiv immer wieder durch, teilweise angenehm, manchmal aber auch fragwürdig. So fragt man sich bei der Coverversion von Elvis »Suspicious Minds«, warum sich die beiden Franzosen das antun – ist man doch Besseres von ihnen gewohnt. Alles in allem ist diese zweite Kooperation aber ein abwechslungsreiches Werk und wird mit seinem krachenden Beat sicherlich gut auf den Tanzflächen dieser Welt funktionieren. VÖ: 27.03.09
mkth-two-coverweb.jpg
Nobody’s business/Groove Attack






»Friendly Rich and The Lollipop People – dinosaur power«
Herr Rich und die Lollipop-Menschen – vom Namen könnte man schon fast ableiten, dass dieses Werk alles andere als herkömmlich daherkommt. Und wer kennt schon Kanadier, die Titel wie »Fräulein Fleischsalat« veröffentlichen? Ja, das ist ungewöhnlich – und genau so ist auch dieses Album. Mit einem Rieseninstrumentarium von Harfen, Akkordeon, Cembalo, Piano, Fagott, Banjo, Klarinette, Cello, Kontrabass, Posaune und verschiedensten Schlaginstrumenten tritt das 10-köpfige Orchester an, um ein Album zu produzieren, dass sich irgendwo zwischen Zirkusmusik, Chanson, Bluegrass oder Kammermusik bewegt und zuweilen sogar osteuropäischen Einflüssen unterliegt. In der Presseinfo steht, dass Friendly Rich sogar in den Fachbereichen Instrumentenbau und Musik-Paraden-Pädagogik graduiert hat – wie da allerdings der Wahrheitsgehalt dieser Information ist, bleibt fragwürdig. Sicher ist, dass er etwas von seinem Fach versteht, denn in Kanada ist er ein bekannter Komponist, der auch zahlreiche Musiken für Film und Fernsehen (u.a. MTV) produziert hat. Eine irre Platte zwischen Tradition und Postmoderne – herrlich anders! VÖ: 20.03.09
92849dinosaurweb.jpg
Hazelwood Vinyl Plastics/Indigo






»Lexy & K-Paul – abrakadabra«
»Hereinspaziert, hereinspaziert… Heute wird gezaubert!« – Mit diesen Worten wird der Hörer auf dem vierten Studioalbum der Berliner DJs begrüßt und ab dann geht es los mit der Zaubergesellschaft. Ganz im Stil der »Komisch elektronisch«-Zusammenstellung wird hier eine ordentliche Platte vorgestellt, die nur noch um ein wenig Magie erweitert wurde. So heißen die Tracks auch logischerweise »Dreimal schwarzer Kater« oder »Bye Bye Rabbit«. Es geht hier darum, Spaß zu haben – das ist klar. Bunt und abwechslungsreich wie im Zirkus mit leicht humoristischen Zügen. So heißt es dann auch gerne mal zwischendurch: »Hypnose ist echt derbe. Scheiße, ich hab’ Hypnose« (eingesprochen von Das BO) oder »If you don’t come to party, we will kill your dog«. Trotzdem bleibt natürlich der Sound weiterhin cluborientiert: Zu finden sind groovende, trancige und poppige Nummern für die Tanzfläche. Übrigens: Auf der limited Edition gibt es noch sieben weitere Stücke auf die Ohren! VÖ: 13.03.09
abrakadabraweb.jpg
Kontor Records/Edel






»Pantherklub – we are not from berlin«
»We are not from Berlin. We are not cool. So all we do is rubbish. But we love it.« Zwar nicht aus der Techno-Metropole Berlin, sondern aus Aachen kommt das Duo Pantherklub, aber mithalten kann diese Platte auch in der Hauptstadt. Das Debüt beschreibt sich wie folgt: Es gibt zwölf Tracks mit 50 Minuten knarzender und stampfender Tanzmusik, knallendem Beat und Synthie-Tönen auf die Ohren. Anfang und Ende des Albums gestalten sich wummernd-krachend. Dazwischen sind zunächst Elektropop-Klänge zu hören, die sich mal wavig oder teilweise funky zeigen und dann in der zweiten Hälfte technoider und experimenteller werden. Ein absoluter Kracher stellt allerdings der letzte Track »p.a.n.t.h.e.r.« dar – ein vorantreibendes, knallendes Geschenk an jeden tanzwütigen Technofreund. Tolle Rhythmen, die sich auf jeder Tanzfläche gut machen werden.
pantherklubweb.jpg
Electroreptil/Whiterock






»Florian Filsinger – greatest his«
Der Oldenburger, der doch mittlerweile in der hiesigen Szene bekannt sein sollte, stellt mit »Greatest His« sein neuestes Werk vor (nicht zu verwechseln mit seinem Album »The Greatest His«). Ist der Beginn mit dem Lied »semper fideles« noch verhalten, zeigt dann doch der zweite Track »sleep@night«, dass es auch anders geht. Mit stampfendem Beat begibt sich der Hörer in die schöne, melodiöse, leicht knarzende Welt des minimalistischen Technos – und aus dieser kommt man dann auch nicht so schnell wieder raus. Spätestens bei »ciabatta the hutt« und »put your ants up in the air« packt einen endgültig die Begeisterung. 60 Minuten gekennzeichnet durch einen ordentlichen Bass, knisternd-knackende Laute und akzentuierende Melodien machen dieses Album zum Hörspaß – und am Ende präsentiert Herr Filsinger sogar noch einige Grundregeln zum Umgang mit Chinaböllern. Also: Achtung bei Blumentöpfen, Dächern und Trabanten!
cd_aussen-ffweb.jpg
Filsinger Production






»Trashmonkeys – smile«
Es gibt was Neues aus Bremen! Und passend zum Titel kann man sich darüber freuen. Die Trashmonkeys veröffentlichen mit »Smile« ihren wohl vielseitigsten Longplayer. Von britischem Punk alter Schule, melodiösem Sixties-Pop über Glamrock bis zum Garagenrock und sogar leichten Ska-Verweisen ist alles dabei und trotzdem bleiben die altbekannten Gitarren-Riffs und der Bremer Groove – es ist nur alles melodiöser. Denkt man beim ersten Lied noch, dass sich dies doch sehr an The Hives erinnert, könnte das zweite auch aus Mando-Diao-Feder stammen – allerdings alles im Trashmonkeys-Stil. Ob man diesen Wandel dem neuen Produzenten Dennis Rux zuordnen kann? Mag sein, aber es war definitiv eine gute Veränderung. Ein kunterbunter Mix aus zwölf Songs, der voranprescht, sich durch seinen Abwechslungsreichtum auszeichnet und vermutlich auch in Skandinavien funktionieren würde. VÖ: 03.04.09
trashmo_smileweb.jpg
XNO Records/Alive

abo ist Anna-Lena Borchert
Email an den Autor | Alle Beiträge von abo

Ihr Kommentar