CD-Rezensionen 05/09 I
von abo • 27.04.2009 • Kategorien: Allgemein, Musik, RezensionenCD DES MONATS:
»Louderbach – autumn«
Louderbach aka Troy Pierce und Gibby Miller präsentieren mit ihrem zweiten Werk eine Platte, die jedem Minimaltechno-Sympathisanten das Herz öffnen sollte. Zu finden sind neun Tracks mit wummernden, brummenden Basslinien und einer Einbindung von 80er-Jahre-Elementen. Während der in Berlin lebende Amerikaner Troy Pierce die Bässe dröhnen lässt, singt Gibby Miller im New-Wave-Stil. Heraus gekommen ist ein tolles Album, das ein wenig an Bauhaus, Joy Division und Depeche Mode erinnert. Düster, chillig und hypnotisch zieht es den Hörer über 50 Minuten in seinen Bann. Ein Album namens Herbst, das aber definitiv nach einer lauen durchtanzten Frühlings- und Sommernacht passt. Eine perfekte Symbiose aus DJ-Präzision, Post-Punk und Dark-Wave-Attitüde.

MINUS
»Yucca – a different time in a different place«
Die fünf Jungs aus Nürnberg legen ein Debüt vor, welches dem Rhythmus gewidmet ist. Produziert von Oliver Zülch (Slut, The Notwist, Die Ärzte), wurde das Werk im Weilheimer Proberaum von The Notwist aufgenommen und weist dreizehn Indierock-Songs auf, die voranpreschen und mit leichten Punk-Avancen und Elektro-Spielereien auftrumpfen. Von Anfang bis Ende energiegeladen und definitiv empfehlenswert.

Warehouse/Soulfood
»Smoove + Turrell – antique soul«
Die Herren aus Newcastle verlassen die Solopfade und arbeiten erstmalig zusammen. Was dabei herausgekommen ist, lässt keine Fragen offen: herrlicher Retro-Soul im 2009er-Gewand. Elemente aus HipHop und Funk werden mit Northern Soul oder Swing vermischt. Gleich der Opener »Hammond« sorgt für Bewegungsdrang, welcher erst beim letzten Lied, der tollen Bluesballade »Without You«, mit einem ergreifenden Gefühl endet.

Jalapeno Records/Groove Attack
»Damian Lazarus – smoke the monster out«
Ein »Juchu!« ist wohl die erstbeste Beschreibung für dieses Debüt. Der in Kalifornien lebende Brite Daminan Lazarus ist schon länger in der Szene bekannt, als DJ geerdet im House und Techno, und bringt nun mit »Smoke The Monster Out« ein herrliches Elektro-Kreativwerk unter die Leute. Jeder Track beinhaltet Überraschungen: Der Stil wechselt immer wieder – »Songwritertechno« nennt es die die Presseinfo. Leise mit Geigenklängen beginnt das Album, dann setzt der Minimalbeat ein. Ähnlich wird beim zweiten Song (»Moment«) agiert: Hier trifft man erst auf eine Klavier begleitete Schlafliedmelodie, die von Lazarus Gesang untermalt wird, und wird dann durch technoide Töne und dem Gesang des schwedischen Zwillingspärchen »Taxi Taxi!« überrascht. Dieses Überraschungsmoment bleibt bis zum Ende – Lieder können sich immer komplett drehen und zu einem ganz neuen Gebilde zusammenwachsen. Neben den Coverversionen von Neil Diamonds »Diamond In The Dark« und Scott Walkers »It’s Raining Today« sind technoid-gefärbte Titel (»Lullabies« und »Memory Box«) wie auch Pop- und TripHop-Nummern (»Bloop Bleep« und »Come and Play«) zu finden, um dann in der chillig-gemütlichen Ballade »After Rave Delight« zu enden. Absolut empfehlenswert! VÖ: 01.05.2009

Get Physical/RTD
»Nuspirit Helsinki – our favourite things«
Das New Yorker Label startet mit »Our Favourite Things« eine neue Reihe und überlässt die Gestaltung der Konzept-Compilation den Finnen von Nuspirit Helsiniki. Kallio, Hannu Nieminen (aka DJ Ender), Kim Rantala (aka Kasio), Toni Rantanen (aka DJ Lil’ Tony) und Eppu Helle (aka DJ Eppu) machten besonders gegen Ende der 90er mit ihren Remixen und Produktionen auf sich aufmerksam und zeigen nun mit dieser Zusammenstellung ihre musikalischen Einflüsse. Herausgekommen ist ein absolut hervorragendes Werk mit elektronisch-jazzigen Melodien, welche den skandinavischen und nordeuropäischen Sound repräsentieren sollen. Schon der erste Titel (Aisha Duo: »Beneath An Evening Sky«) vermittelt mit Xylophontönen ein warmes, mildes und schönes Gefühl, das den Hörer bis zum Schluss nicht mehr verlässt. Friedvoll und ruhig geht es dann auch mit Joakims »Peter Pan Over The Bronx« und Trentemøllers »Miss You« weiter. Aus diesem Zustand der totalen Ruhe wird man daraufhin mit der poppigen Nummer »A Moment Of Love« im Kallio-Remix von Korpi Ensemble geholt und es folgen jazzige, housige und technoid-angehauchte Nummern. CocoRosie’s Kleinod »Noah’s Ark« und der Glockenspielkracher »Nattöppet« von Detektivbyrån öffnen dem Hörer dann vollends das Herz. Zum Ende gelangt man dann wieder mit seichten Klaviertönen und dem Lied »Zwei Elfen« von Flügelschlag! in die eingangs erwähnte warme Grundstimmung. Eine Zusammenstellung, die in ihrer Schönheit nicht besser sein könnte.

Backdrop/ObliqSound/Roughtrade
»Kitty Solaris – my home is my disco«
Solaris Empire hat sich durch einen stilsicheren Griff für schöne, ruhige und »echte« bzw. handgemachte Musik bewiesen und eben diese gibt es nun auch auf dem zweiten Album der Labelchefin Kitty Solaris. In der Küche entstanden, mit Steffen Schlosser und Roderick Miller eingespielt und in Zusammenarbeit mit Gordon Raphael produziert – so heißt es in der Presseinfo und die Küche hinterlässt anscheinend ihren ganz eigenen Charme. Herrlich säuselt das Album, umarmt den Hörer mit einer Ruhe und Gelassenheit, Emotionen aller Art werden transportiert. Gitarrenmusik unter teilweiser Verwendung von Xylophon, Basstönen und Orgel gepaart mit einer wunderschönen, teilweise zerbrechlich wirkenden Stimme. Doch diese ändert sich dann manchmal, wenn es durch Schlagzeug und Stimmungswechsel doch lauter wird. Namen wie Cat Power und PJ Harvey kommen in den Sinn und so ist dieses Werk auch einzuordnen. Wunderbare Texte treffen auf herrlichste Lo-Fi-Pop-Arrangements. Sooo schön, sooo toll.

Solaris Empire/Broken Silence
»Muff Potter – gute aussichten«
Ein wenig erinnert das neueste, sehr facettenreiche Werk der vier Herren aus Münster wieder an deutsches Liedgut aus den 90ern: Mit räumlich-klingendem Schlagzeug und verspielten Gitarrenmelodien wird hier von krachig-punkig bis rau-melodisch alles geboten – und definitiv wieder weniger poppig als die letzte Platte. Die bissigen Texte sind geblieben, das Tempo wurde ein wenig gedrosselt. Vielleicht liegt es auch an der Art und Weise, wie das Album entstand: In Form einer Liveaufnahme wurden alle Instrumente gleichzeitig und zusammen eingespielt. Zwar beginnt das Album mit ordentlichen Stonergitarren (»Ich und so«), doch gleich beim zweiten Titel »Rave Is Not Rave« wird es melodiöser. Bei »Wie spät ist es, und warum?« kommt dann wieder diese Erinnerung an die 90er – hört sich der Song doch fast nach aus der Feder der Hamburger Band »Die Sterne« an. Auch wenn dies ein wenig ungewöhnlich für Muff Potter klingt, nimmt man es ihnen nicht übel, denn die Platte hat sich ihren Namen redlich verdient. Textlich haben die Jungs aufgepasst und zeigen ihr Können beim zeitgeistorientierten, gesellschaftskritischen Titel »Niemand will den Hund begraben«. Sehr empfehlenswertes Album. Bleibt nur der Gedanke: Vielleicht wird es wieder Zeit für die 90er.

Huck’s Plattenkiste/Rough Trade
»The Soundtrack Of Our Lives – communion«
Ja, über das Cover lässt sich streiten: Denkt man doch zuallererst an eine Werbung für Vitaldrinks. Allerdings entspricht die äußere Erscheinung nicht annähernd dem, was den Hörer auf diesem Doppelalbum erwartet und steht eigentlich sogar im Kontrast zur Musik. Vielleicht soll man auch einfach philosophieren, ob vielleicht die Generation der 60er und 70er nun so aussieht. Denn dieses Motiv wird hier klar in den 24 Titeln eingeschlagen: Nach der bemerkenswerten B-Seiten-Sammlung »A Present From The Past« präsentieren die Schweden von TSOOL nun über 90 Minuten Rock mit starken Tendenzen zu den 60er- und 70er-Jahren. Schon der erste Song »Babel On« begrüßt mit leicht psychedelischen Tönen. Demonstriert wird eine Vielfalt an musikalischem Können und von beschwingt und energiegeladen bis nachdenklich und ruhig werden sämtliche Bereiche abgedeckt. Während CD 1 ordentlich rockt, werden auf der zweiten Platte eher leisere Töne gespielt. Herrlich retro, obwohl die Länge ein wenig anstrengt. Für alle Rockfans definitiv empfehlenswert.

Haldern Pop Recordings/Cargo Records
»Mollono.Bass – hartenland ep«
Acker Records kann man mittlerweile als Synonym für herrlichsten, unaufdringlichen Minimaltechno verwenden, denn egal, was veröffentlicht wird: Es ist toll. Molle aka Mollono.Bass stellt diesmal den Sound zum Frühling. Beschwingt mit treibenden Percussions und verspielten Melodien lädt »Endlich Frühling« zum Tanzen an einem lauen Abend oder auch zum gemütlichen Grillen am Wasser ein. Auf der B-Seite bearbeitet Rundfunk 3000 das Original und lässt durch Harmonikatöne den Track noch sonniger wirken. Mit »Rabulka« folgt dann ein Titel, der durch seinen treibenden Bass und der leicht dubbigen, melodischen Umsetzung wie für die Tanzfläche geschaffen ist. Wieder einmal eine tolle Veröffentlichung aus Wustrow (Mecklenburg-Vorpommern). VÖ: 04.05.2009

Acker Records
»Moll Flanders – if you can’t understand what you don’t understand it’s not easy«
Zum Albumtitel bleibt nur zu sagen: Da haben die sechs Schweden wohl recht. Ihr zweites Werk beinhaltet zwölf Lieder von treibend und tanzbar bis zurückhaltend-melancholisch. Mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Piano kreieren sie eingängigen Indie- und Garage-Rock und dies teilweise mit Ohrwurmcharakter wie im starken Song »La La La«. Textlich wird über Themen wie das Vergessen vom Valentinstag (»Valentino«), einer Geschichte über die eigenen Großeltern (»Fading Away«) oder Untreue gesungen. Lauter kleine Geschichten, die in der schönen Ballade »All I Want Is You« mit Gitarren, monotonem Schlagzeugspiel und Glockenspiel enden. VÖ: 08.05.2009

Crying Bob Records/Broken Silence
»The Broken Family Band – please and thank you«
Mit der rockigen Hymne »Please Yourself« beginnt das bereits siebte Album des Quartetts aus Cambridge und London. Es erwartet den Hörer ein abwechslungsreiches, zwölf Songs starkes Indierock-Album, das musikalisch wie auch textlich punktet. Ob »St. Albans« mit der Zeile »No one wants to fuck you in this town« und der Kurzgeschichte über einen Mann, der mit einem osteuropäischen Mädchen schlafen möchte und dafür den falschen Ort wählt oder »Cinema Vs. House« über Entscheidungsschwierigkeiten in der Liebe und dem schönen, herzzerreißenden »You Did A Bad Thing« – dieses Werk wird nicht langweilig. Zum Ausklang greifen die Briten nochmals auf ihre alten Wurzeln zurück und präsentieren mit »Old Wounds« eine Folk-Country-Rock-Nummer. Toll.

Cooking Vinyl/Indigo
abo ist Anna-Lena Borchert
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