Chance zum Sommermärchen
von tor • 28.04.2009 • Kategorien: Allgemein, SportIn vielerlei Hinsicht ist Basketball ein besonderer Sport. Fast nirgendwo sonst geht es so schnell, so athletisch und vor allem so punktereich zu, und kaum irgendwo anders können sich vermeintlich entschiedene Spiele so rasch in die andere Richtung drehen.
Die größte Besonderheit indes, die der Basketball mit einigen wenigen anderen Sportarten gemein hat, macht den ganzen Reiz der Jagd nach Körben aus: die Playoffs. An dieser Stelle kommen die EWE Baskets Oldenburg ins Spiel.
Nach einer aktuell noch nicht vollständig abgeschlossenen Hauptrunde – die Huntestädter müssen am 9. Mai noch zu Alba Berlin – starten am 17. Mai die heiß ersehnten Playoffs. Selbst die bemerkenswerten 50 Punkte, die die Oldenburger bis zum 31. Spieltag eingefahren hatten, sind dann längst wieder Geschichte. Im Rennen um die Meisterschaft zählen Tagesform, Konzentration auf den Punkt und taktische Finessen, um im Modus »Best of five« (drei Siege zum Weiterkommen nötig) sportlichen Ruhm einzufahren.
Die Playoffs sind Chance und Risiko in einem. Der Hauptrunden-Erste – die Baskets lagen bei dem Versuch, den Platz an der Sonne erfolgreich zu behaupten, bis Ende April auf Kurs – startet schließlich in allen Playoff-Runden zunächst mit einem Heimspiel und hat beim steten Wechsel des Austragungsrechts in einem eventuellen fünften Entscheidungsspiel erneut den Heimvorteil. Was verlockend aussieht, birgt aber auch enorme Risiken, denn gerade die Mannschaften, die sich als Siebter oder Achter für die Playoffs qualifizieren, tun genau das oft mit Siegesserien zum Saisonende und gehen mit entsprechend breiter Brust in das Rennen um die Deutsche Meisterschaft.
Auch wenn die Enttäuschungen in den Playoffs stets nur wenige Treffer entfernt sind, können die EWE Baskets in jedem Fall auf eine fantastische Saison zurückblicken. Mit 50:12 Punkten rangierten sie nach dem 31. Spieltag auf Platz eins des deutschen Basketball-Oberhauses und präsentierten sich als ernsthafter Titel-Aspirant. Mit einer Serie von neun Siegen am Stück hatten sie sich bis Mitte April sogar einen Vier-Punkte-Vorsprung auf Alba Berlin erspielt, in einem rassigen Nordderby gegen die Artland Dragons allerdings kurzzeitig den Erfolgspfad verlassen.
Mit Teambasketball, individuellen Glanzlichtern und dem unbedingten Vertrauen in die eigenen Stärken legten die Baskets die beste Hauptrunde ihrer inzwischen neunjährigen Bundesliga-Historie auf das Parkett. Nie zuvor gelangen den Baskets 50 Punkte, nie ging es in der Schlussplatzierung über Rang vier hinaus und nie herrschte eine solche personelle Kontinuität. Der Schlüssel zum Erfolg liegt nämlich wohl zu einem guten Stück exakt hier: Gleich acht Spieler aus der Vorsaison waren im Kader verblieben und bildeten einen großen Grundstock für ein erfolgreiches Abschneiden auch in der Saison 2008/2009.
Das Oldenburger Publikum honoriert die Arbeit von Trainer Predrag Krunic und seinem Team in zunehmendem Maße. Fast durchgehend waren die Heimspiele in der Rückrunde ausverkauft, Spiele wie gegen die Dragons waren stets Wochen vorab ausgebucht. »Wir haben in der Arena einen echten Heimvorteil«, weiß Coach Krunic um die Bedeutung des Publikums für den Erfolg, »in entscheidenden Momenten geben uns die Zuschauer das gewisse Etwas, um noch einmal alle Kräfte mobilisieren zu können.« In der EWE Arena waren die Baskets ganz besonders erfolgreich: Zwischen den Niederlagen gegen Köln im Oktober und gegen Quakenbrück im April lagen gleich 13 Siege in Folge.
Zu einer Erfahrung mit nahezu durchweg positiven Erlebnissen wurde auch die erstmalige Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb. In der EuroChallenge starteten die Oldenburger nach erfolgreicher Qualifikation in den Gruppenphasen richtig durch. Die »regular season« in einer Vierergruppe beendeten die Donnervögel auf Rang eins und verblüfften unter anderem mit zwei Siegen gegen das Top-Team von Hapoel Jerusalem aus Israel. In der Gruppenphase »Top 16« mit erneut drei Konkurrenten war dann zwar knapp Schluss, doch Siege in Istanbul und zwei Erfolge gegen Virtus Bologna unterstrichen die internationale Klasse der EWE Baskets. Bologna, von den Oldenburgern doppelt besiegt, stand Ende April sogar im Finalturnier der EuroChallenge.
»Die Teilnahme an der EuroChallenge war für alle ein tolle Erfahrung«, resümierte Coach Krunic. Auch Geschäftsführer Hermann Schüller weiß um die Bedeutung eines Starts im Europapokal: »Viele Spieler entscheiden sich bei der Suche nach einem Club für jene, die auch international spielen. Die Qualifikation für einen entsprechenden Wettbewerb ist da natürlich ein Vorteil gegenüber anderen.« Bei aller Freude über internationale Gäste in der EWE Arena: Geld verdienen lässt sich bis dato damit nicht – eher im Gegenteil gerät das internationale Geschäft zu einer finanziellen Herausforderung.
Für die kommenden Saison können die Oldenburger mit großer Wahrscheinlichkeit erneut mit einem Startrecht in Europa rechnen, denn die Bundesligisten erhalten für ihre Hauptrunden-Platzierung und für spätere Playoff-Triumphe Punkte für ein Europa-Ranking, das am Ende über die Verteilung auf die verschiedenen Wettbewerbe entscheidet. Der Deutsche Meister startet in der hochklassig besetzten EuroLeague, zudem gibt es Plätze im EuroCup und in der EuroChallenge. Als Hauptrunden-Erster oder -Zweiter winken den Baskets 16 bzw. 14 Punkte und die Aussicht, in der Saison 2009/2010 eventuell im EuroCup starten zu können.
So viel Zukunftsmusik hört derweil Trainer Predrag Krunic gar nicht gerne. Der bosnische Coach, im Sommer 2007 nach Oldenburg gekommen und gleich in seinem ersten Jahr an der Hunte in das Playoff-Halbfinale eingezogen, lenkt die volle Konzentration stets auf das nächste Spiel. Was oft zur Floskel verkommt (»Das nächste Spiel ist immer das schwerste«) wird vom 40-Jährigen in jeder Minute vorgelebt. »Es ist bewundernswert, mit welcher Disziplin die Mannschaft arbeitet«, lobt Geschäftsführer Hermann Schüller, der nach der Trennung von Trainer Don Beck 2007 bewusst auf einen Wechsel hin zur europäischen Basketball-Kultur gesetzt hat.
Gerade die Mischung aus europäischem System-Basketball und US-amerikanischer Athletik funktioniert in Oldenburg hervorragend. Nicht immer übrigens läuft diese Mixtur rund – das intensive Bemühen, eben nicht nur gute Basketballer, sondern auch charakterlich gut aufeinander abgestimmte Akteure zu finden, steht bei Predrag Krunic ganz oben auf der Prioritätenliste. Dass die Arbeit mit dem erfahrenen Headcoach auch bei den Spielern gut ankommt, sieht man an vorzeitigen Vertragsverlängerungen mit Leistungsträgern wie Jasmin Perkovic und Jason Gardner, die bis 2010 in Oldenburg bleiben. Auch beim Trainer setzen die Verantwortlichen auf Kontinuität: Krunic besitzt einen Kontrakt bis 2011.
Die allgemein tolle Stimmung wurde in dieser Saison einzig durch ausbleibende Erfolge im Nachwuchs-Bereich getrübt, denn sowohl die Junior Baskets als auch das Regionalliga-Team des Oldenburger TB verpassten ihre Ziele. Während die Junior Baskets in der Nachwuchs Basketball Bundesliga nach einer Steigerung in der Hinrunde die Playoffs in der sehr starken Division Nordwest nur ganz knapp verfehlten, stieg der OTB aus der Regionalliga ab. Dabei wurde dem jungen Team mit einem Altersschnitt von knapp 20 Jahren die bewusste Konzentration auf einheimische Korbjäger zum Verhängnis, denn die starken Konkurrenzteams waren mit ihren ausländischen Leistungsträgern oft deutlich besser besetzt.
Die Oldenburger Basketball-Begeisterung indes wird in den kommenden – aus Baskets-Sicht hoffentlich vielen – Wochen einem neuen Höhepunkt entgegen steuern, denn am 17. Mai kann es losgehen mit dem Playoff-Viertelfinale. Und nach den vielen Rekorden der laufenden Saison würden die Fans eine neue Playoff-Bestmarke sicherlich gerne auch noch mitnehmen…
tor ist Torben Rosenbohm
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