CD-Rezensionen 07/09 II
von abo • 26.06.2009 • Kategorien: Allgemein, Musik, RezensionenCD des Monats:
»Planetary Assault Systems – temporary suspension«
Nach siebenjähriger Pause bringt Luke Slater unter seinem Pseudonym Planetary Assault Systems sein neuestes Werk unter die Leute und man kann in diesem Fall getrost von einem Meisterwerk der technoiden Musik sprechen. Der britische DJ und Produzent präsentiert hier auf zehn Tracks brachialen, düsteren und geradlinigen Techno mit verschiedensten Einflüssen aus Chicago, Detroit, Brighton und Berlin. Schon ab der ersten Minute wird mit »Open Up« die wegweisende Richtung des Albums festgelegt: energiegeladen und kompromisslos. Auf »Temporary Suspension« demonstriert das erfahrene Urgestein der Londoner Clubszene wieder einmal sein Können. »Auf-die-Fresse-Techno« für die Tanzfläche!

Ostgut Ton/Kompakt
»Mintzkov Luna – m for means and l for love«
Haldern Pop Recordings sei Dank! Man kann wieder das 2001er-Erstlingswerk der Belgier von Mintzkov Luna ergattern. Lange galt es als nahezu ausverkauft, nun ist dieses wunderbare Album inklusive dreier Bonustracks erneut auf dem Markt. Siebzig Minuten voller quietschender Gitarren, krachiger Drums, Synthietöne und die unverkennbare Stimme des Frontmanns Philip Bosschaerts. Belgischer Indie-Sound der Güteklasse A.

Haldern Pop Recordings/Cargo Records
»Tele – jedes tier«
Tele ist seit einem knappen Jahrzehnt immer gut für hörerfreundlichen Indie-Pop und das ein oder andere Wortspiel, und auch auf »Jedes Tier« wird wieder auf Deutsch gereimt. Instrumental wagt das Album keine großen Revolutionen: Gitarrenmusik mit Kuschelfaktor und eine hamburgische Portion Melancholie à la Tomte, Kettcar etc. Den eigentlichen Reiz und auch den Mittelpunkt der Lieder machen aber ohnehin die originellen Texte aus.

Tapete Records
»Pisces – a lovely sight«
Numero lässt alte Zeiten auferstehen und bringt mit einem Album der Pisces die 60er-Jahre zurück. Bekannt für ein wenig verschrobene Popmusik waren Pisces – zu Deutsch: Fische – vorrangig eine Studioband aus Rockford, Illinois. Nun werden ihre herrlichen, leicht psychedelischen Melodien nochmals gewürdigt und bisher unveröffentlichtes Material in Form von 15 Titeln dem Publikum näher gebracht. Sehr hörenswert.

Numero Group/Groove Attack
»Mirko Loko – seventynine«
1979 – dies ist das Geburtsjahr des Schweizer Produzenten Mirko Loko und nun sollte auffallen, dass er in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag feiert. Ob dies der Anlass zu seinem Albumdebüt auf dem spanischen Cadenza-Label ist – man weiß es nicht. Was man aber spätestens beim ersten Hören bemerkt, ist, dass es sich hier um eine tolle Platte handelt. Loko, eher bekannt als ein Teil von Lazy Fat People, wechselt hier zwischen den Stimmungen. Beginnt das Album noch mit warmen Klängen (»Sidonia« und »Around the Angel«), verändert sich beim vierten Track, »On Fire«, die Atmosphäre und es wird ein wenig düsterer, treibender und sirenenlastiger. Der darauf folgende Titel »Astral Vacuum« erscheint danach als abstrakter Abschweifer, um den Hörer auf die darauf folgenden treibenden Tracks »Bluebook« und »Shadow« mit ihren leicht dunkleren Elementen vorzubereiten. Mit »Takhtok« folgt dann eine Komposition, die mit ihrem Kindergesang ein wenig an Ricardo Villalobos »Enfants« erinnert und sich durch einen simplen Beat und stetige Wiederholungen auszeichnet. Zum Ende der Platte steigert sich das Tempo dann nochmals und hinterlässt einen wirklich tanzbaren Endruck. Ein sehr schönes Sommeralbum. VÖ: 22.06.09

Cadenza Records
»Stabat Kater – from here to uncertainty«
Nach der Debüt-EP »Calm Down« im Jahr 2006 veröffentlicht Michael Fromme aka Stabat Kater jetzt seinen ersten Langspieler. In Eigenregie produzierte der Schlagzeuger und Pianist aus Dresden unter Mitwirkung von 16 weiteren Musikern in den RNA-Studios elf herrliche Nummern, die den kundigen Hörer sofort an The Notwist erinnern. Nur mit Computer, Schlagzeug und Klavier bewaffnet, schrieb und arrangierte der 27-jährige Musikstudent seine Songs und erschuf eine wunderschöne, leicht melancholische Klangwelt, die nicht zuletzt auch durch seine angenehme, traurige Stimme nochmals unterstrichen wird. Die Einsamkeit und der Kosmos erscheinen als Leitmotiv der Platte und zeigen sich im Musikalischen wie auch in den Namen der Lieder (z.B. »Spaceship-Earth« und »Orbiter’s Return«). Tolle Arrangements mit leichten elektronischen Spielereien. Vom ersten (»Planet Lonely«) bis zum letzten Titel (»Solo Mission«) durchweg durchdacht und wunderbar. Eine Platte für die traurig-schönen Stunden.

Eigenproduktion
»Florian Filsinger – truly gripping«
Nach »Greatest His« legt Florian Filsinger nun mit seinem neuen Album »Truly Gripping« nach und wechselt einmal mehr die Richtung seiner musikalischen Arbeiten: Erscheint diese Platte doch um einiges ruhiger und nochmals durchdachter als vorherige Werke. Gleich der Opener »Truly Gripping« zeigt schon eine veränderte Gangart: Erinnert er doch mit seinen elektronischen Spielereien, dem Sprechgesang und der düsteren Stimmung leicht an Werke vom Anticon-Label aus San Francisco. Darauf folgt mit »Mission Of Silence Feat. MC Goblin« eine tolle ruhige Nummer, die Filsinger zusammen mit MC Goblin von Yalla Yalla Movement kreiert hat. Sowieso sind viele weitere Musizierende aus der hiesigen Szene wie beispielsweise Ina B. von Mister Twister und Yoursck auf diesem Album vertreten. Insgesamt zeichnen sich die 14 Lieder durch ihre Vielfalt aus: Neben experimentell-elektronischen Melodien findet man ebenfalls Ambient-Tracks (»Cruelly Dripping«) oder auch Titel wie »London Dies First Feat. Ina B.«, der sogar leichte Vergleiche zu Portishead zulässt. Die absolute Übernummer kommt aber am Ende: Mit »Have 2 Go Feat. Kleinetante & Syrup« hat Filsinger den perfekten Abschluss für dieses absolut tolle Album gefunden.

Eigenproduktion
»Revolver – music for a while«
Mit dem Namen »Revolver« erwecken die drei Franzosen, die sich bereits zu Schulzeiten trafen und 2006 als Band zusammen fanden, zumindest schon mal große Erwartungen: Ist er doch an das Beatles-Album »Revolver« angelehnt, mit dem eben diese im Jahr 1966 für Furore sorgten. Mit den Beatles ist das Musikalische hingegen nicht wirklich zu vergleichen. Zwar hört man leichte Einflüsse, allerdings bieten Ambroise Willaume, Christophe Musset und Jérémie Arcache auf dieser Platte eher ihre eigene Interpretation von Chamber-Pop bzw. Kammermusik. Die klassisch ausgebildeten Musiker setzen auf Gitarre, Piano, Cello und dreistimmigen Gesang. Zwölf Songs im reinsten Pop-Format, meist in ruhiger Gangart. VÖ: 19.06.09

Delabel/ EMI
»V.A. – joachim spieth presents selected vol. 3«
Sechs Monate nach »Volume Zwei« bringt Joachim Spieth bereits die dritte Label-Kompilation unter die Leute. – Und eines sei schon mal vorneweg gesagt: Diese Zusammenstellung ist richtig, richtig gut. Anders kann man es kaum beschreiben. Eigens vom Labelchef ausgesucht, werden hier Highlights der letzten Wochen wie auch exklusive Remix-Versionen präsentiert, die jeden Freund der technoiden Töne das Herz öffnen sollten: Klackernde Laute plus ordentliche wie auch durchdachte Beats und Bässe – und das alles absolut unaufdringlich. Teilweise für die Tanzfläche, meist aber für alle anderen Alltagssituationen, ist diese Sammlung definitiv zu empfehlen.

Affin Records
»Refractory – hot potatoes«
Lehnem Sie sich zurück, es wird jetzt sehr cool und lässig. Die französische Combo Refractory liefert mit »Hot Potatoes« ein frisches Old-School-Rap-Album mit vielen Funk- und Soul-Einflüssen. Der dritte Longplayer besticht durch geschmeidige Basslines und den Einsatz von Funkgitarren, Saxophon und herrlichen Pianopassagen. Jean François Blanco und Louis Beaudoin bewegen sich elegant durch die unterschiedlichsten Stile und Genres. So werden neben Rap- und Soulpop- Nummern auch jazzige Instrumentaltitel (z.B. »Eddy’s Break«) geboten. Ein Album, das Vergleiche zu den »Großen« wie beispielsweise den Fugees zulässt. Magnifique!

Undercover Music/ Intergroove
»The Folks – one«
Auf Folk-, Grunge-, Rock’n’Roll- und Crossover-Basis sind die vier Darmstädter von The Folks auf ihrem Debütalbum unterwegs. Zunächst überrascht die Stimme vom Sänger Leon Ostrowski – sollen die vier Jungs doch erst um die 19 Jahre alt sein. Der raue Gesang hört sich zumindest wesentlich älter an. Insgesamt verblüfft das Album, wenn man das Alter der Musiker berücksichtigt: Es klingt doch schon alles so ausgereift und vollkommen authentisch. Schon der erste Song namens »The Usual Way« fängt den Hörer mit seiner klaren Songstruktur, den Riffs und den Harmonien. Erinnerungen an Curt Cobain und Nirvana-Zeiten werden wach. Generell würde die ganze Platte auch gut in die 90er passen, was verwundert, da man das Gefühl nicht loswird, dass es auch heute wieder optimal passt. Ein tolles Erstlingswerk von einer Band, die mit Sicherheit noch für einige Überraschungen sorgen wird.

Soundworks/ Rough Trade
»Namito – eleven«
Lange hat es gedauert! Nun bringt Namito seine erste eigene Langspielplatte unter die Leute. Seit den 90ern ist er als DJ unterwegs, durch zahlreiche Remixes bekannt und mittlerweile aus der Szene gar nicht mehr wegzudenken. Sein Debüt, das er auf Martin Eyerers Label Kling Klong Recordings veröffentlicht, kommt in Gestalt von elf Tracks – daher wohl auch der Albumtitel. 79 Minuten, die mit windenden Synths (»Zizou Intro«) beginnen und mit einem chilligen Hidden Track enden. Dazwischen findet man Beats, die mit jedem Lied treibender werden, so dass man spätestens bei »Zorro«, »Train To Teheran« und »Who Knows« dem absoluten Bewegungsdrang erliegt. Tight, knackig und deep. Das Warten hat sich definitiv gelohnt. VÖ: 26.06.09

Kling Klong Recordings
»DJ T. – the inner jukebox«
Thomas Koch alias DJ T. veröffentlicht mit »The Inner Jukebox« sein zweites Studioalbum. Der Gründer und Herausgeber des Groove Magazins wie auch Mitbegründer des Berliner Labels Get Physical setzt hier in elf Nummern seine persönliche Vision von House um. Passend für den Club, aber auch für den Alltag zeigen sich hier mal deepe und atmosphärische Töne (»The Inner Jukebox«) oder auch Latin oder Samba-Einflüsse (»Dis« und »Bateria«). T. findet seine Inspiration im House und Techno der 90er und interpretiert diesen neu. Ein abwechslungsreiches Werk. VÖ: 26.06.09

Get Pysical/ RTD
»Dub Pistols – rum & coke«
Mit zahlreichen Remixen für beispielsweise U2, Lilly Allen, Ian Brown oder Mika haben sie sich ein Namen gemacht. Nun bringen Barry Ashworth und Jason O’Bryan aka Dub Pistols zwei Jahre nach der Veröffentlichung des letzten Albums »Speakers & Tweeters« ihr neuestes Werk in die Läden und stellen damit einen willkommenen Soundtrack für den Sommer zur Verfügung. Zwar ist nicht soviel Dub auf dieser Platte wie der Name vermuten lässt, dafür aber mehr Rum und somit das Summerfeeling. Das Album wartet mit verschiedensten Einflüssen aus Reggae, Dancehall, Ska, Funk, Soul und Latin auf und bietet zehn abwechslungsreiche Nummern zwischen gemütlichem Sonnenbad und Strandparty. VÖ: 12.06.09

Sunday Best/ Roughtrade
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