Leise Bilder mit lapidarem Ende – Kizu auf der Suche nach Peter Pan
von ori • 26.06.2009 • Kategorien: Allgemein, Comics, RezensionenÜberraschende Ähnlichkeit weist die Wiederveröffentlichung von »Auf der Suche nach Peter Pan« mit der Neuerscheinung »Kizu« auf. In beiden Comics wird die Vermittlung von Stille überzeugend demonstriert – am Ende aber scheitern die Geschichten daran, ihrem gelungenen Aufbau ein angemessenes Finale folgen zu lassen.
Das schweizerische Wallis der 30er-Jahre ist Schauplatz von Coseys »Auf der Suche nach Peter Pan«. Erzählt wird von einem Schriftsteller, der nach den Spuren des Lebens seines toten Bruders sucht. Das kleine Dorf, in dem er sich aufhält, wird von einem brechenden Gletscher in seiner Existenz bedroht, weshalb die Bewohner evakuiert werden. Der Schriftsteller bleibt allein zurück, stellt aber bald fest, dass er nicht der einzige ist, der sich der behördlichen Anordnung widersetzt hat – und erfährt darüber hinaus mehr über das Schicksal seines Bruders…
»Kizu« von Otsuichi und Hiro Kiyohara spielt im heutigen Japan. Zwei Jungen, von ihren Eltern verlassen und misshandelt, finden zueinander, um so ihrer trostlosen Biografie und mitunter feindlich gesinnten Umwelt zu trotzen. Einer der beiden verfügt über die Fähigkeit, Verletzungen und Schmerzen auf sich selbst zu übertragen und anstelle anderer zu erleiden. Diese Erkenntnis gewinnt an Brisanz, als sie herausfinden, dass sich die Verletzungen weitergeben lassen – so an den verhassten Vater, der schwer krank im Hospital liegt…
In beiden Erzählungen ist der Einsatz wortloser Sequenzen ein Mittel, um Aussagen und Emotionen zu unterstreichen. Das Können beider Zeichner zeigt sich der Darstellung von Stille als anhaltendem Moment gewachsen. Cosey, der zeichnerisch von seinem Lehrmeister Derib (»Yakari«) und der franko-belgischen Comicszene der 70er-Jahre beeinflusst ist und hier vorwiegend mit den Farben Braun, Gelb und Blau eine die Natur nachahmende Kolorierung bewerkstelligt, überzeugt wie sein japanischer Kollege Kiyohara, dessen klarer Strich freie Räume innerhalb der schwarz-weißen Gestaltung schafft und der mit Autor Otsuichi (»Goth«) bereits den Manga »Holiday« gestaltete.
Der nahende Bruch des Gletschers, bei Cosey Symbol für den bevorstehenden Zweiten Weltkrieg, sowie die Suche der Hauptfigur nach verlorener Unschuld in Gestalt des verstorbenen Bruders zeigen die Vergeblichkeit einer Flucht vor der eigenen Biografie. Eine verwandte Aussage trifft Otsuichi, wenn er die Sinnlosigkeit des Versuches zeigt, den Schmerz einer leidvollen Kindheit durch Weitergabe an andere zu kompensieren.
Leider bieten beide Geschichten ein Finale, das aufgesetzt wirkt und nicht überzeugt. Auf Grund des vorbildlichen Aufbaus sind aber sowohl »Auf der Suche nach Peter Pan« als auch »Kizu« lesenswert.
Cosey: Auf der Suche nach Peter Pan, Cross Cult, 160 Seiten, ISBN: 978-3-941248-33-5
Otsuichi / Hiro Kiyohara: Kizu, Egmont Ehapa, 208 Seiten, ISBN: 978-3-7704-7024-2
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