Monsieur Mardi-Gras – Unter Knochen 1-4

von ori • 28.07.2009 • Kategorien: Allgemein, Comics, Rezensionen

Ein Entwicklungsroman über ein Skelett und die Tücken des Lebens nach dem Tod: Eric Liberges über vier Comicalben reichende Jenseits-Saga vollzieht dabei selbst mit jedem Band eine Entwicklung, die von einer schwarzer Komödie hin zu einem humanistisch-existenziellen Traktat führt – in Bildern und Farben, die dem surrealen Werk eine derart überzeugende grafische Komponente verleihen, dass man von fantastischem Realismus sprechen muss.

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Das ambitionierte Comicprojekt des Franzosen begann 1992 als Groteske mit schwarzweißen Bildern, die lediglich einige Grautöne beinhalteten. Über die lang andauernde Produktionszeit von fast zehn Jahren wandelte sich die Geschichte zu einem moralphilosophischen Diskurs, in dem Fragen nach Endlichkeit und dem Sinn des Lebens Eingang in die komödiantische Handlung fanden. Kontextuell dazu fand eine behutsame Erweiterung der Farbpalette unter narrativen Aspekten statt.
Die Erzählung beginnt mit einem Akt der Bürokratie: Victor Tourterelle gelangt verwirrt als Skelett ins Jenseits und wird von einem Postbeamten, der ebenso skelettiert ist wie alle anderen dortigen Bewohner, mit neuem Namen und einem Stempel auf den Hinterkopf versehen. Aufklärung über seinen Zustand bleibt ihm jedoch versagt. Der nun Mardi-Gras Aschermittwoch genannte Neuankömmling ist deswegen wütend und beginnt die Administration im Jenseits zu hinterfragen. Bei seinem daraus resultierenden Widerstand gegen die Obrigkeit dieser freudlosen Welt und den in ihr grassierenden Fatalismus setzt Aschermittwoch übrigens unter anderem Kaffee als Waffe gegen die Ungerechtigkeiten im Leben nach dem Tod ein.
Das hohe Niveau hält Liberge nicht konstant: Band zwei und vier weisen mitunter Längen auf. Der dritte Band aber stellt erzählerisch wie inhaltlich den Höhepunkt der Reihe dar, in dem Aschermittwoch sich seinen Verfehlungen im Fegefeuer stellt.
Liberges feiner Grafikstil erinnert an die Stiche seines Landsmannes Gustave Doré (1832-1883) für Dantes »Die Göttliche Komödie« und die Panelgestaltung, oftmals orientiert an der Ornamentik von Flügelaltären oder Kirchenfenstern, spielt inhaltsbezogen mit Darstellungsformen kirchlicher Kunst. Seine subtile und changierende Art der Kolorierung entfaltet sich mit dem Fortschreiten der komplexen Handlung, um in einem pointierten und minimalen Farbfeuerwerk der Erlösung zu münden, die den Figuren kurz vor Schluss widerfährt. Am Ende holt jedoch schwärzester Zweifel den einzigen Zurückbleibenden im Jenseits ein. Dessen selbst gewähltes Schicksal einer grauen Beamtenexistenz beschließt so den Farbkreis von Handlung und Leben in den ursprünglichen Grundtönen.
Eric Liberge, Splitter Verlag, 64-72 Seiten, ISBN: 978-3-940864-31-4/-33-8/-34-5/-35-2

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