Theater Laboratorium: Eine Milchbar als Erinnerungsraum

von cell • 25.09.2009 • Kategorien: Allgemein, Kultur, Termine

Zwei Jahre nach der Premiere der »Bremer Stadtmusikanten« und ein Jahr nach dem Umzug in die Kleine Straße präsentiert das Theater Laboratorium ein neues Stück, in dem eine Mutter erst im hohen Alter ihrem Sohn verrät, wer sein Vater war. Die Premiere des Stücks »Milchbar« ist am 1. Oktober 2009. Wir haben im Vorfeld mit Pavel Möller-Lück, dem künstlerischen Leiter des Hauses, gesprochen.

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Herr Möller-Lück, worum geht es in Ihrem neuen Stück »Milchbar«?
Möller-Lück: Es geht um eine 75-jährige Frau und ihren 50-jährigen Sohn, dem sie bisher den Namen seiner Vaters verschwiegen hat. Mütter verheimlichen oft bis zuletzt, wer der Vater ihres Kindes ist, weil die Scham zu groß ist. Das ist heutzutage vielleicht nicht mehr so. Aber wenn man 1959 – wie in diesem Stück – ein Kind zur Welt brachte, zu dem man keinen Vater aufweisen konnte, dann war das eine schlimme Sache. Und um eben solch eine Geschichte geht es. Nun hat diese Dame Demenz und das erste Mal in ihrem Leben kann sie darüber reden, weil sie vergisst zu verdrängen.

Wie setzen Sie dieses schwierige Thema um?
M.-L.: Der Sohn stellt schnell fest, dass es bestimmte Rezeptoren gibt, die das Erinnern leichter machen. Wenn die Mutter etwa Musik von 1958 hört, kann sie sich besser erinnern. Und da sie den Vater in einer Milchbar kennen gelernt hat, verwandeln wir einen Teil ihres Salons in eine Milchbar. In dieser Umgebung hält sie dann ihren Sohn für dessen Vater. Und indem der Sohn den Vater spielt, findet er auch heraus, wer sein Vater war.
Wir bauen der Mutter also einen Erinnerungsraum. Solche Räume gibt es übrigens wirklich. Man hat festgestellt, dass sich Demenzkranke darin sehr wohl fühlen und dass mehr aus ihnen herauskommt, wenn sie z.B. ein Transistorradio sehen oder Hildegard Knef hören. Denn es ist ja das Langzeitgedächtnis, das sie zuletzt verlieren. Aber das Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr. In dem Moment, wo ich nicht mehr weiß, wer du bist, erzähl ich dir Dinge, die ich dir sonst nie erzählen würde. Und das ist hier der Kunstgriff: Durch ihre Krankheit vergisst sie, dass ihr Sohn ihr Sohn ist und kann sich öffnen.

Ist dies ein Stoff, der Sie auch privat beschäftigt?
M.-L.: Ja, der Abend hat autobiographische Züge. Ich weiß, wovon ich rede und spiele. Und jedes neue Stück eröffnet die Möglichkeit, über das Verstehen etwas mehr zu gesunden am eigenen Schicksal.

»Milchbar«
Von Barbara Schmitz-Lenders & Pavel Möller-Lück
Regie: Markus Wulf
Premiere (Uraufführung): Do, 01.10.09 & Fr, 02.10.09 | 20 Uhr
Theater Laboratorium | Kleine Straße 8 | 26121 Oldenburg | www.theater-laboratorium.org

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