»Schade um den schönen Sex«
von lab • 27.10.2009 • Kategorien: Allgemein, Literatur, RezensionenAm liebsten hätte er den Herbst auf der Stelle geheiratet. Die Stauden, die Farben, der Duft – alles war schön und sexy an der dritten Jahreszeit. Es war die erste Liasion nach seiner jahrelangen Depression und sie machte ihn wieder hungrig auf das Leben außerhalb der Notaufnahme.
Wären da nicht die Irrungen der Liebe – der Erzähler muss seinen Freund Cromwell nach Italien begleiten. Über Weihnachten, wo er doch viel lieber zuhause im kalten Hamburg geblieben wäre. Aber Cromwell hat wieder einmal eine anstrengende Beziehung hinter sich und sucht Ablenkung in Ventigmilia; ausgerechnet mit der etwas zu jugendlichen Tochter der durchgeknallten Nachbarn in ihrem Hotel, einem riesigen Klotz aus den Wirtschaftswunderjahren. Doch auch der Erzähler wird wieder mit seiner ersten und letzten großen Liebe konfrontiert – zumindest mit ihrem Duft, der alle Erinnerungen an sie zurückruft. Ganz zu schweigen vom homophilen, blinden Bruder des Hotelbesitzers, der auf der Jagd nach dem Kassierer des Lidl auf der anderen Seite der Stadt ist…und mit dem Erzähler auf den Spaziergängen dorthin die wichtigen Fragen des Lebens klärt.
Das Besondere an Simon Borowiaks neuem Roman ist nicht, dass es um die Liebe geht. Neu ist, dass sie die Grundlage für eine intelligente Satire über die deutsche Sprache und ihre Benutzer ist. Jargons, Dialekte, Fachbegriffe – durch Borowiaks Sprachgefühl ergibt alles eins und wird so zum Instrument für den verschrobenen Erzähler, seine zuweilen urkomische Sicht auf die Welt zu vermitteln. Und die braucht definitiv weitere Schriftsteller wie Borowiak, die weise schreiben, ohne Witz und Intellekt vermissen zu lassen.
lab ist Lara Brünjes
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