»Prosopopus«
von ori • 30.01.2010 • Kategorien: Allgemein, Comics, RezensionenBilderfolgen ohne Text, stattdessen farbliche und perspektivische Arrangements, die diese surreale und wortlose Groteske bestimmen: In »Prosopopus« werden die Taten der Protagonisten getreu der Duden-Fremdwörterbuch-Definition personifiziert – und darüber hinaus visualisiert. Daraus entwickelt sich im Verlauf der Erzählung ein stummes und befremdliches Eigenleben.
Der französische Autor und Zeichner Nicolas de Crécy erreicht durch diese Methode eine Stringenz auf narrativer Ebene, die durch kalkulierten Fluss und Präzision besticht. Der Einsatz von Nahaufnahmen, deren Bedeutung sich in den nächsten Panels erschließt, sorgt für zusätzliche Spannung in einem Drama um Illoyalität und Vergeltung.
Nach der Ermordung eines Mannes flieht der Täter und begibt sich zu seiner Geliebten. Doch das vergossene Blut folgt ihm und gebiert durch Beimengung des eigenen Lebenssaftes und des Körpersekretes, das er bei dem soeben vollzogenen Liebesakt verloren hat, sowie der Beseelung durch Rauch eine Kreatur, die der Geschichte nicht nur ihren Titel verleiht, sondern diese auch zielstrebig in ihrem Interesse vorantreibt.
Der sich aus den das Farbspektrum der Geschichte bestimmenden Hinterlassenschaften von Lebenden speisende Nachtmahr, für den sich poetische Gerechtigkeit als genauso essentiell wie die eigene Belustigung darstellt, ist dabei in der Wahl seiner Mittel ebenso wenig zimperlich wie eine Figur aus einem alten Warner-Brothers-Cartoon. Wenn dieses Wesen beispielsweise den Kopf eines Mannes durch die Decke einer Wohnung rammt, sodass jener erstaunt einen Teil des Mobiliars der darüber liegenden Etage betrachten kann, wird dadurch eine treffende Analogie zur Rezeption dieser Bildgeschichte gezogen.
Die künstlerischen Vorbilder Crécys, Maler wie George Grosz oder Gustav Klimt, schimmern zwar bei Bild- und Farbgestaltung durch, und auch die geistige Verwandtschaft zu seinem Kollegen Lorenzo Mattotti (siehe stadtpark 04/07), der ebenfalls auf der gestalterischen Ebene Teile der Handlung transportiert und das Prinzip erzählerischer Linearität nicht als Dogma begreift, ist erkennbar, doch nie ergeht sich der Künstler in idolisierendem Epigonentum. Sein Werk weist stilistisch eine sehr eigene Note auf und besticht darüber hinaus durch einen klug durchkomponierten Spannungsbogen, der immer wieder die induktiven Fähigkeiten des Lesers herausfordert.
ori ist Oliver Ristau
Email an den Autor | Alle Beiträge von ori




